Sich als schwul oder lesbisch outen

 

Sich als schwul oder lesbisch outen

Du bist dir deiner Sexualität im Klaren und du hast sie akzeptiert, und nun hast du dich entschieden, endlich reinen Tisch zu machen. Vielleicht möchtest du jetzt erst einmal innehalten und darüber nachdenken, ob du das Richtige tust, indem du dich bestimmten Personen anvertraust. Der Schlüssel ist, zu wissen, ob du bereit dafür bist und dann die ersten Personen auszuwählen, die dich auf deinem Weg unterstützen können. Danach kannst du entscheiden, ob du dich weiteren Bekannten öffnen willst. Wenn du einen Partner hast, wird er dich während deiner Entscheidungsfindung unterstützen.



Mach dir bewusst, dass du eine mutige Entscheidung triffst. Du wirst auf lange Sicht viel glücklicher sein.
Nichts ist wichtiger, als von deiner Sexualität überzeugt zu sein. Bevor du dies von anderen verlangst, lerne, dich selbst zu akzeptieren – wenn du dich unwohl bei dem Gedanken fühlst, in der Öffentlichkeit als schwul, bisexuell oder lesbisch erkannt zu werden, denk noch einmal gründlich darüber nach. Nicht jeder ist bereit, seine Vorurteile fallen zu lassen, aber indem du dich outest und somit ein sichtbares Mitglied dieser Gemeinschaft wirst, kannst du ein Zeichen setzen und Akzeptanz erlangen. Auch wenn Einige sich zunächst unwohl in deiner Nähe fühlen und ihnen deine Offenbarung peinlich ist – ein glückliches Leben ist nur dann möglich, wenn du ehrlich mit den Menschen um dich herum bist.


1 - Sei vorbereitet.
Berücksichtige deine Familie, Freunde, Mitarbeiter und Gemeinschaft, bevor du dich ihnen öffnest. Wie werden sie sich verhalten? Kannst du irgendwelche homosexuellen-feindliche Gedanken oder Gefühle bei ihnen feststellen? Viele Religionen billigen keine Homosexualität. Obwohl der Glaube von anderen respektiert werden soll, gibt es dennoch keinen Grund, Religionen oder religiöse Menschen zu tolerieren, die Intoleranz herbeirufen. Für manche wird es wohl einige Zeit dauern, sich mit deiner Enthüllung zu arrangieren und diese zu akzeptieren, so wie es dir vielleicht auch ging, während du dich mit deiner Sexualität auseinandergesetzt hast. Sei dir ganz sicher, dass die erste Person, der du dein "Geheimnis" erzählst, dich versteht und unterstützen wird. Spar dir dein Coming-Out vor anderen Leuten auf, bis du ein wenig Übung hast, dich anderen gegenüber zu öffnen. Vielleicht hilft es dir, wenn du mit anderen Leuten unterhältst, die ebenfalls homosexuell sind oder dich gar vor ihnen outest. Es kann durchaus sein, dass deine Eltern das von Anfang akzeptieren, es ist aber auch gut möglich, dass sie dies nicht tun. Sollte dies der Fall sein, mach dir klar, dass sie aus einer anderen Generation stammen als du, und dass sie nur das – ihrer Meinung nach – Beste für dich wollen.

Bereite dich auf Fragen vor, die sie stellen könntne. Vielleicht machen sie sich Sorgen, wie andere Leute dich behandeln könnten. Oder dass du nie eigene Kinder haben wirst – das sind ihre wahren Befürchtungen, also gib dir mühe und beantworte die Fragen ernst und gewissenhaft. Sind deine Eltern religiös, könntest du im Voraus etwas Material suchen, das du ihnen zeigst. Halte zum Beispiel Ausschau, ob es einst einen religiösen Anführer gab, der schwule und lesbische Beziehungen nicht verurteilte, sondern befürwortete. Wenn du fürchtest, ausgeschlossen und verleugnet zu werden, dann warte besser, bis du sicher und unabhängig bist, ehe du dich outest.



2 - Wähle die erste Person, der du dich anvertraust, mit Bedacht.
Ein enger Freund oder Verwandter, dem du vertraust und von dem du sichergehen kannst, dass er dich unterstützt, ist eine gute Wahl. Besprich deine Sexualität mit den Personen, die die am nächsten stehen, ehe du es öffentlich machst. Es ist sehr wichtig, dass du sie damit nicht einfach überfällst, sonst könnten sie verwirrt oder gar wütend auf dich sein. Sag ihnen stattdessen, dass es eine sehr wichtige Sache gibt, die du ihnen gerne mitteilen würdest, und dass du schon lange darüber nachdenkst. Erkläre ihnen, dass du bereits vor längerer Zeit erkannt hast, dass du anders bist als die anderen, aber erst jetzt herausgefunden hast, warum das so ist. Indem das verdeutlichst, werden sie verstehen, dass du ihnen nichts verheimlicht hast, sondern dass du es erst selbst genau herausfinden wolltest, ehe du jemandem etwas verrätst.


3 - Öffne dich langsam auch anderen Freunden, wenn du dich sicher fühlst.
Es ist keineswegs notwendig, es allen Leuten auf einmal zu erzählen. Jeder wird anders reagieren, also eröffne es jeder Person einzeln und in einem geeigneten, ruhigen Moment, wenn ihr unter euch seid und genug Zeit habt, um darüber zu reden. Auch hier gilt: Wenn du ausgeschlossen oder verachtet werden könntest, warte lieber mit deinem Coming-Out. Wenn es für dich in Ordnung ist, dass auch flüchtige Bekannte Bescheid wissen, dann sag es ihnen – je früher, desto besser. Wenn die Leute von Anfang an wissen, wer du bist, werden sie dich auch eher so akzeptieren können. Es wird schwieriger, es ihnen zu erzählen, je länger du sie kennst, weil sie sich dann bereits ein Bild von dir gemacht haben und es ihnen unter Umständen nicht leicht fällt, dieses zu ändern.


4 - Wähle die Art deines Coming-Outs sorgfältig.
Du kannst es anderen Leuten während eines ernsten vier-Augen-Gespräch erzählen, oder es beiläufig erwähnen, wenn du dir sicher bist, um zu zeigen, dass du dich damit wohl fühlst. Willst du ein entschlossenes Gespräch führen, atme tief durch und sag es gerade heraus. Übe das vorher allein, wenn du willst, aber denk daran, es darzulegen, ohne dabei groß auszuholen.

Wenn du keine große Sache draus machen willst, versuche, dein Geständnis in ein Gespräch einfließen zu lassen. Die Leute werden viel entspannter reagieren, wenn sie spüren, dass du das Thema nicht unnötig aufbauschst. Bist du selbst ruhig, wird es keine riesige Überreaktion geben, vor der du dich fürchtest.



5 - Sei vernünftig.
Abhängig von deiner Umwelt kannst du auf extreme Inakzeptanz treffen, was deine Sexualität angeht. Es ist wichtig, dass du dich auf schwere Zeiten vorbereitest. Vergewissere dich, dass du sicher bist, ehe du vorschnell handelst. Es gibt keinen Grund, dich der Allgemeinheit zu öffnen, wenn dir das unangenehm ist. Warte einfach, bis du dich bereit und unabhängig genug fühlst. Vielleicht befindest du dich in der misslichen Lage, dass du von jemandem oder etwas abhängig bist, das dir nach einem Coming-Out nicht mehr zugänglich wäre. In diesem Falle solltest du dich aus dieser Abhängigkeit lösen, ehe du dich öffnest. Das könnte in etwa bedeuten, dass du warten musst, bis du eine eigene Wohnung hast oder einen anderen Rückzugsort, an dem du sicher davor bist, verachtet oder verstoßen zu werden.


6 - Sei stolz auf dich selbst.
Lass den Kopf nicht hängen und lasse niemanden spüren, dass du dich schämst. Entschuldige dich nicht und erlaube dir selbst auf keinen Fall, dich dafür zu schämen, wenn du anderen die Wahrheit über dich erzählst. Lerne, dich nicht für die Meinungen und das verhalten anderer Leute zu interessieren. Erlaubst du irgendwem, eine Position einzunehmen, die dich schlecht fühlen oder gar für deine Sexualität entschuldigen lässt, wird das nur die Vorurteile der anderen bestärken. Bleib stattdessen glücklich und hinterlasse einen positiven Ausdruck, sodass jeder, der traurig oder enttäuscht von deinem Geständnis ist, weiß, dass es dir gut geht und du froh bist. Es ist wichtig, dies denen zu zeigen, die dich lieben. Es fällt jedem schwer, sich vorzustellen, wie jemand glücklich ist, der Dinge tut, die man selbst niemals in Erwägung ziehen würde. Genauso wie Leute, die voller Freude Felsen erklimmen kaum verstehen können, wie andere Menschen damit glücklich werden können, den ganzen Tag faulenzend in einer Hängematte zu verbringen, fällt es heterosexuellen Menschen schwer zu verstehen, wie Homosexuelle glücklich sein können. Alles was du tun musst, ist ihnen zu zeigen, dass es dir gut geht und du voller Freude bist.

Tipps

  • Hab Geduld. Denk daran, dass es dir selbst auch Zeit gekostet, um dir deiner Sexualität bewusst zu werden, also brauchen andere vielleicht auch etwas Zeit, um sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Sei bescheiden – es ist okay, dich stolz zu fühlen, aber drücke anderen nicht deine Ansichten auf. Einige Leute werden sich wehren, dein Geständnis zu akzeptieren, also geh sicher, dass sie es wenigstens respektieren. Sollte dir jemand seine Missachtung kundtun, kann es oft besser sein, dies zu ignorieren.
  • Trag ein Zeichen des Stolz, wenn du kannst – den sechsfarbigen Regenbogen in etwa. Wie wäre es mit einem Armband, einer Kette oder einem Schweißband?
  • Versuche, neue Freunde zu finden – hetero-, homo- oder bisexuell. Gelegentlich können sie sehr verständnisvoll sein und dir beistehen, wenn dir alles zu viel wird. Nutze das Internet, um dich mit anderen schwulen/lesbischen Leuten zu unterhalten oder Unterstützung zu erhalten. Nimms nicht persönlich, falls dich jemand über deine Sexualität ausfragt – sieh es als deine Chance, eine Verbindung zwischen der Gesellschaft und der LGBT-Gemeinschaft.
  • Leg dir eine Antwort für Anmach-Versuche zurecht. Wenn jemand mit dir flirtet, solltest du darauf eingehen, wenn du möchtest. In einer Umgebung, in der du deine Sexualität nicht preisgeben möchtest, sag etwas wie: "Danke, aber ich bin bereits vergeben."
  • Wenn du wirklich offen sein willst, kannst du etwas sagen wie: "Danke, aber ich gehöre ausschließlich meinem Partner/meiner Partnerin", oder "Ich fühle mich geschmeichelt, aber ich bin schwul/lesbisch", oder "Danke, aber ich verabrede mich nicht mit Männern/Frauen."

Warnungen

  • Sich vor der gesamten Gesellschaft zu outen, kann durchaus nach hinten losgehen. Manche Gesellschaftsstrukturen verachten Homosexuelle, also geh vorher sicher, dass du nicht ausgeschlossen wirst.
  • Denk an deine Sicherheit, wenn du entscheidest, wann und wie du dein Coming-Out vollziehst. Lebst du in einem sehr konservativen Gebiet, solltest du vielleicht andere Mitgliedern der LGBT-Gesellschaft aufsuchen, um ihre Erfahrungen zu teilen.
  • Wenn du in der Schule oder deine Arbeitsstelle gemobbt und beleidigt wirst, hab keine Angst davor, Autoritätspersonen um Hilfe zu bitten.
  • Behalt deine Beziehungen zu Familie, Freunden und Bekannten im Auge, damit du alle Veränderungen ihres Verhaltens dir gegenüber erkennst. Wenn du Unbehagen und Unbeholfenheit verspürst, gib ihnen Zeit. Hört dies nicht auf, versuche so schnell wie möglich das Gespräch mit ihnen zu finden.
  • Vermeide Geschwätz und Klatsch! Die Leute könnten aufhören, dir zu vertrauen, wenn sie es von anderen als von dir selbst erfahren. Sollte deine Entscheidung einen entschiedenen Einfluss auf das Leben bestimmter Menschen haben sag es ihnen zuerst! Ein gutes Beispiel: dein Freund oder deine Freundin. Solltest du mit jemandem des anderen Geschlechts zusammen sein, musst du es ihm/ihr als erstes sagen. Lass ihn/sie nicht zappeln, sonst kommt er/sie sich lächerlich vor. Verschwende nicht anderer Menschen Zeit, das ist nicht fair.
  • Die Wahrscheinlichkeit, negative Begegnungen zu haben, wird höher sein, nachdem du dich geoutet hast, doch sei stark und erinnere dich daran, dass du von niemandem akzeptiert werden musst, außer von dir selbst.
  • Mach dir gar nicht erst die Mühe, Beleidigungen wie "Du kommst in die Hölle!" zu kontern. Besser ist es, eine solche Antwort zu geben: "Ich verstehe deine Sorge, aber ich fühle mich sehr wohl, so wie ich bin und es tut mir Leid, dass du so denkst.", und zu gehen. Es ist den Stress nicht wert.