Katholische Kirche Kardinal Müller: Niemand wird "gottgewollt als Homosexueller geboren"

Im neuen "Spiegel" teilt der einflussreiche deutsche Erzbischof gegen einen vermeintlich zu liberalen Vatikan aus und macht Schwule für den Missbrauchsskandal der Kirche verantwortlich.

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Müller bei einer Messe 2012 (Bild: Jolanta Dyr / wikipedia)

Der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hat die Kirchenführung von Papst Franziskus scharf kritisiert. In einem Interview im aktuellen "Spiegel" meinte der 71-Jährige, Papst Franziskus dürfe nicht der Versuchung erliegen, "jene Gruppe, die sich mit ihrem Progressismus brüstet, gegen den Rest der Kirche auszuspielen".

Offizieller Anlass des Interviews ist eine in der nächsten Woche bevorstehende Konferenz im Vatikan zu den Missbrauchsskandalen der Kirche. Müller betonte dazu zu Beginn des Interviews, hier seien "schwere Sünden begangen" worden, man müsse in der Nachbereitung "aber den Nagel auf den Kopf treffen". So habe der Missbrauch mit dem "verdorbenen Charakter der Täter", aber nichts mit Klerikalismus und dem Amt zu zun.

Vom "Spiegel" auf frühere Aussagen angesprochen, Müller sehe allerdings einen "Zusammenhang zwischen Missbrauch und Homosexualität", betonte der frühere Regensburger Bischof: "In der Glaubenskongregation hatten wir statistisch den perfekten Überblick. Weit über 80 Prozent der Opfer sexuellen Missbrauchs Jugendlicher bis zu 18 Jahren waren junge Männer im pubertären und nachpubertären Alter." Diese Daten sollten bei dem Gipfel "unvernünftiger Weise" keine Rolle spielen, beklagte er.

Wer sich "nicht beherrschen" könne, sei für das Priesteramt nicht geeignet, so Müller weiter. "Schönreden nützt da nichts. Übrigens bin ich der Meinung, dass kein Mensch gottgewollt als Homosexueller geboren wird, wir werden geboren als Mann oder Frau." Das von "Spiegel"-Redakteur Walter Mayr geführte Interview lässt diese Aussagen unwidersprochen im Raum stehen.

Kardinal: Papst von "Hofschranzen" umgeben

Müller saß mehrere Jahre der Glaubenskongregation vor, bevor Papst Franziskus seine Amtszeit im Juli 2017 überraschend nicht verlängerte. Vor wenigen Tagen hatte er ein Manifest veröffentlicht, in dem er angesichts einer "sich ausbreitenden Verwirrung in der Lehre des Glaubens" eine Rückbesinnung auf die "Wahrheit der Offenbarung" fordert, unter anderem im "sittlichen Gesetz".

Im "Spiegel" kritisierte Müller, Papst Franziskus sei "umgeben von Leuten, die wenig von Theologie und der kirchlichen Soziallehre verstehen, sondern die jahrhundertealte Höflingsmentalität nicht ablegen wollen". Diesen "Hofschranzen" gelte heute "jedes Wort, jede beiläufige Bemerkung von Franziskus, und sei es in einem Interview, als sakrosankt. Als hätte Gott selbst gesprochen." Dabei hätten Äußerungen des Papstes als Privatmann "mit Unfehlbarkeit in Glaubensfragen nicht das Geringste zu tun". Interviews seien für Franziskus vermintes Gelände, so Müller: "In weltlichen Fragen wäre Zurückhaltung wünschenswert."

"Homosexuelle Netzwerke" in Kirche beklagt

Immer wieder hatte Müller mit LGBTI-feindlichen Äußerungen für Aufregung gesorgt. So bewertete er 2014 ausgelebte Homosexualität als "nicht akzeptabel" (queer.de berichtete), die Ehe für alle stellte er als eine "Diskriminierung des Ehebundes von Mann und Frau" dar (queer.de berichtete). Im letzten Herbst beklagte er, dass eine "LGBT-Ideologie", die "atheistisch" sei, sich in Kirchendokumenten verbreite: Was vor Gott eine Sünde sei, werde als Segen dargestellt (queer.de berichtete).

Damals verband er auch er den Missbrauchsskandal mit Homosexualität. In Bezug auf den ehemaligen US-Erzbischof Theodore Edgar McCarrick, der wegen sexuellen Übergriffen auf Seminaristen von Papst Franziskus entlassen worden war, meinte er: "Diesem McCarrick war es möglich, zusammen mit seinem Clan und einem homosexuellen Netzwerk in mafiaartiger Weise in der Kirche Verwüstungen anzurichten." Dazu habe auch beigetragen, dass die "moralische Verwerflichkeit von homosexuellen Akten unter Erwachsenen" in der Kirche unterschätzt worden sei (queer.de berichtete).

Wenige Wochen später hatte er homosexuelle Aktivitäten katholischer Priester als "schweren Verstoß" gegen das priesterliche Ethos bezeichnet und liberale Ansichten des Frankfurter Hochschulrektors Ansgar Wucherpfennig als "häretisch" eingestuft (queer.de berichtete). (nb/dpa)

 

 

Quelle: queer.de / red