Staatshomophobie lässt HIV-Rate unter Schwulen explodieren

Die seit zwei Jahren gegen LGBT in Indonesien gerichtete "moralische Panik" habe katastrophale Auswirkungen, beklagt die Human Rights Watch.

Vergangenen Dezember nahm die Polizei von Jakarta 140 Männer fest, die sich in einer Schwulensauna aufgehalten haben sollen

Die indonesischen Behörden befeuern die HIV-Epidemie, weil sie sich an der Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen beteiligen. Das ist das Resultat eines von der Human Rights Watch am Montag veröffentlichten Berichts über die Lage im größten Land Südostasiens. Die Regierung lasse zu, dass die Polizei und militante Islamisten willkürliche und rechtswidrige Razzien bei privaten LGBT-Versammlungen durchführten. Viele Maßnahmen der Gesundheitsfürsorge erreichten deshalb die verletzliche Gruppe nicht.

Die inzwischen weit verbreitete Stigmatisierung und Diskriminierung habe dazu geführt, dass die HIV-Rate unter Männern, die Sex mit Männern haben, seit 2007 um das Fünffache angestiegen sei – von fünf auf 25 Prozent. Zwar gehe die Mehrzahl von Neuinfektionen mit HIV in Indonesien auf heterosexuelle Übertragung zurück, aber ein Drittel auf Übertragung von Mann zu Mann. Die LGBT-feindliche "moralische Panik" und die Polizeirazzien gegen LGBTI machten es für das Gesundheitswesen sehr schwer, die wichtigste Risikogruppe zu erreichen, und beförderten so eine weitere Verbreitung des Virus.

Der 70-seitige englischsprachige Bericht trägt den Titel "'Scared in Public and Now No Privacy': Human Rights and Public Health Impacts of Indonesia's Anti-LGBT Moral Panic" (Angst in der Öffentlichkeit und jetzt keine Privatsphäre mehr: Auswirkungen der moralischen Panik gegen LGBT auf Menschenrechte und die öffentliche Gesundheit). Darin wird dokumentiert, wie Hass-Rhetorik den Weg für rechtswidrige Handlungen der indonesischen Behörden gegen mutmaßliche LGBT legitimiere – teilweise in Zusammenarbeit mit militanten islamistischen Gruppen.

Auf Grundlage von ausführlichen Interviews mit Opfern und Zeugen, Angestellten im Gesundheitswesen und Aktivisten aktualisiert der Bericht eine im August 2016 veröffentlichte Analyse. Diese dokumentierte einen deutlichen Anstieg von Angriffen auf und öffentlicher Rede gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten in Indonesien. Der jetzt veröffentlichte Bericht untersucht zentrale Vorfälle zwischen November 2016 und Juni 2018. Er zeige nach Angaben der in New York City ansässigen internationalen Menschenrechtsorganisation, wie weitreichend die Folgen der "moralischen Panik" vor LGBT für das Leben von Angehörigen sexueller und Gender-Minderheiten sowie für das Gesundheitswesen im Land seien.

Die Menschenrechtler bemängeln, dass sich Politiker seit Anfang 2016 vermehrt LGBTI-feindlich äußerten. So erklärte der Verteidigungsminister, dass die Akzeptanz sexueller Minderheiten gefährlicher sei als ein Atomkrieg. Außerdem gibt es Bestrebungen, gleichgeschlechtliche "Unzucht" zum ersten Mal seit Bestehen der Republik unter Strafe zu stellen. Diese Bedrohungslage führte zu vielen Razzien und öffentlichen Demütigungen.

Trans-Sozialarbeiterin: Gewalt ist "normal"

Der Bericht zitiert viele Opfer der staatlichen Verfolgung. So erklärte Nigrat L., eine 47-jährige Trans-Frau und Sozialarbeiterin in der Community der Hauptstadt Jakarta: "Gewalt wird es immer geben – sie hat uns immer begleitet. Das ist einfach ein Teil unseres Lebens. Es ist normal. Für uns heißt das, dass wir an manchen Tagen Pech haben, vielleicht auch morgen. Oder es wird morgen besser."

"Die beißende Hass-Rhetorik gegen LGBT durch indonesische Amtsträger seit 2016 schafft ein Klima, in dem Gewalt und Diskriminierung sozial akzeptiert und politisch gedeckt sind", erklärte Kyle Knight, Experte für LGBT-Rechte bei Human Rights Watch und Autor des Berichts. Der Aktivist forderte: "Die Regierung muss ihren Kurs korrigieren und ihrer Verpflichtung auf 'Einheit in Vielfalt' gerecht werden, indem sie rechtswidrige Polizeirazzien verhindert und untersucht. Und sie muss gewährleisten, dass sie nicht Diskriminierung in ihren Gesetzen festschreibt."

Quelle: queer.de


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