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15 Mar 2020 Berichte

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Wie sorglos darf PrEP machen

Die Pille gegen HIV taugt zu euphorischen Utopien von einer neuen sexuellen Revolution ohne Gewissensbisse nach dem Gangbang im Berghain oder dem spontanen Treff mit dem ROMEO-Chat. Der Realitätscheck mit Dr. Spinner vom „Klinikum rechts der Isar der TU“ in München.

71 Prozent Rückgang der HIV-Diagnosen bei MSM in Großbritannien (Quelle). Ist PrEP das Ende von HIV?

Ganz so einfach ist das nicht. Die Zahlen aus London fokussieren im Wesentlichen auf homo- und bisexuelle Männer. Ganz grundsätzlich ist die PrEP aber, kombiniert mit Schutz durch Therapie und vermehrte Testen, ein wirksames Mittel vor allem innerhalb der Hochrisikogruppen. Früher wurde durchschnittlich etwa alle zwei Jahre auf HIV getestet, heute sind es mit PrEP alle drei Monate. Außerhalb der mehrheitlich gut aufgeklärten Hochrisikogruppen – insbesondere bei Männern, die sich nicht als homo- oder bisexuell identifizieren, aber dennoch Verkehr mit Männern haben, ist die PrEP noch keine wirksame Lösung. Das haben auch Studien gezeigt.

Welche Probleme können Sie im Praxisalltag beobachten?

Zwei Dinge sind gefährlich: Einzelne Nutzer verwenden die PrEP nach ganz eigenem Schema, weder kontinuierlich noch korrekt anlassbezogen, wie in den Leitlinien empfohlen. Gelegentliche Nutzer setzen sich einem großen Risiko aus, wenn die Anwendung außerhalb der klinisch geprüften Einnahmeschemata erfolgt: Schließlich hängt die Schutzwirkung direkt von der Richtigkeit der Einnahme ab. Die meisten HIV-Neuinfektionen werden um den Wiederbeginn oder das Absetzen der PrEP gesehen. Es ist daher unveränderlich wichtig, dass Nutzer regelmäßig zu einer fachlich guten Beratung gehen. Das andere große Problem schlägt auch in die Kerbe der Information.

Eigenverantwortlichen Umgang mit der PrEP lernen

Die Community hat in Foren und Blogs im Internet zwar wichtige Aufklärungsarbeit geleistet, aber es gibt auch sehr viel unausgegorene und halbwahre Informationen im Netz. Da kann unsere Rolle als Behandler und Schwerpunktmediziner nur sein, dass wir möglichst offen über die korrekte Verwendung der PrEP aufklären. Wichtig ist, dass jeder Nutzer eigenverantwortlich mit der PrEP umzugehen lernt. Verhindern können wir die beabsichtigte oder unbeabsichtigte fehlerhafte Selbstmedikation wohl leider nicht. 

Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, um die Risiken anderer STI zu minimieren? 

Das ist schwer zu beantworten. Es gibt mittlerweile die ersten Studien, die ganz klar zeigen, dass nach Beginn der PrEP die STI-Diagnosen (STI = Sexuell übertagbare Krankheiten) im ersten Jahr erheblich ansteigen. Man muss aber im Hinterkopf behalten, dass das ja auch einen Grund hat: Die Menschen sind auch vor PrEP HIV-negativ geblieben, sie haben ihr Risikoverhalten kompensiert: Zum Beispiel durch Schutz durch Therapie des Partners oder Kondome. Die Freiheit der Sexualität durch PrEP hat zugenommen: Es ist also unweigerlich, dass mit mehr kondomloser Sexualität eine Erhöhung der STI-Rate einhergehen kann. Noch nicht ausreichend untersucht ist aber, was in den folgenden Jahren passieren wird. Bleibt es dabei? Bei unseren Gebrauchern erleben wir tatsächlich fast so etwas wie einen Rückgang der STI-Inzidenz oder zumindest eine Stabilisierung. Sie sehen ja auch die Syphilis-Meldedaten für Deutschland: Im ganzen Land steigt die Rate – für Berlin und München sind die Daten erstmals rückläufig. Der Zusammenhang zur PrEP ist absolut spekulativ, aber selbst das Robert Koch-Institut stellt ihn her.

Ist „sorglos“ also das richtige Wort für den Umgang mit der PrEP?

Es war von Anfang an ein moralisches Dilemma. Aus der Sicht der schwulen Community, und im Kontext der Aids-Krise ist es nachvollziehbar, dass sich Wertevorstellungen, wie die des moralisch erhöhten Kondomgebrauchers die des moralisch verwerflichen Kondomverächters gegenüberstehen. Das ist aber meiner Meinung nach eine ganz erhebliche schwule Selbstidentifikationskrise. Heute können Menschen an bestimmten Teilaspekten der schwulen Szenen (Sexklubs etc.) partizipieren und gleichzeitig wirksamen Schutz vor HIV-Infektionen durch PrEP erhalten. Wir am Klinikum rechts der Isar waren und sind von Anfang an ein PrEP-Zentrum, und haben uns ganz klar für die PrEP eingesetzt und sie von Anfang an wissenschaftlich begleitet. Wir sind auch froh, dass diese moralische Diskussion von Anfang an geführt wurde. 

Eine ganz erhebliche schwule Selbstidentifikationskrise 

Es ist aber wichtig, sie von der allgemeinen STI-Diskussion zu trennen: Das Kondom hat dazu geführt, dass man sich mit anderen Risiken außer HIV nicht mehr sachlich auseinandersetzte. Sexuelle Gesundheit muss gesamtheitlich betrachtet werden. In dem Moment beim Sex, wo es um Verschmelzung geht, ist so eine Barriere wie ein Kondom manchmal lustkillend. Was wir bei STI vor allem brauchen, ist ein Konzept zum Umgang, denn aus den PrEP-Studien haben sich wichtige Fragen ergeben: Wir haben dort jeden alle drei Monate gescreent und haben wahnsinnig viele asymptomatische Menschen mit STIs identifiziert.

Was wird aus diesen asymptomatischen Trägern?

Führt das nach einer gewissen Zeit dazu, dass die Infektionen verschwinden oder werden diese Träger alle symptomatisch?

Das wäre der nächste Schritt, der uns interessiert: Wie häufig müssen wir testen, und müssen wir jede STI behandeln, auch wenn keine Symptome vorliegen?

Was ich als sehr positiv bewerte, ist die ungeheure Geschwindigkeit, mit der wir an diesen Punkt gekommen sind. Ohne Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wäre das mit Sicherheit nicht so schnell passiert. Wir haben schon die ersten hausärztlichen Kollegen durch Hospitationen für die PrEP qualifiziert, damit ärztlich qualifizierte PrEP-Begleitung an noch mehr Zentren verfügbar wird.



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