Wie man den Tod dann doch noch überlebt - MenConnect

© Selbstporträt Jürgen Baldiga / DFFB

30 Apr 2020 Filme

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Wie man den Tod dann doch noch überlebt

Jasco Viefhues' wunderbare Doku "Rettet das Feuer" erinnert an den einzigartigen, 1993 an den Folgen von Aids gestorbenen Fotografen und Künstler Jürgen Baldiga. Jetzt im Salzgeber Club als Video on Demand!

Seinen Tod am 4. Dezember 1993 bestimmte er selbst. Vier Jahre lang lebte Jürgen Baldiga schon mit Vollbild Aids, immer mehr hasste er seinen ausgezehrten, kaum noch funktionierenden Körper und kramte schließlich alle auffindbaren Medikamente zusammen, um nicht weiter leiden zu müssen. An seiner Seite sein Lover Ulf, der zum tödlichen Pillen-Cocktail schmalzige Elvis-Presley-Songs auflegte, sich sorgte, dass der schnell ins Koma gefallene Jürgen noch so lange röchelte, und die Daumen drückte, dass er den Freitod bloß nicht überlebt.

Diese Details habe sie so noch gar nicht gewusst, sagt Melitta Poppe, Westberliner Szene-Urgestein, legendäre SchwuZ-Tunte und beliebtes Baldiga-Model, in Jasco Viefhues' Doku "Rettet das Feuer" über jene Todesnacht, und steuert, zusammen mit anderen Weggefährt*innen, selbst bewegende wie urkomische Anekdoten und Erinnerungen an den einzigartigen wie einnehmenden Künstler bei. Der sich im Krankenhaus während der Morphium-Infusion mit Eisbecher und Joint einen blasen ließ. Der sich wünschte, dass bei seiner Beerdigung Parfüm von Liz Taylor versprüht wird. Der sich mit seinem Grabstein als Covermodel für ein Stadtmagazin ablichten ließ. Und der in seiner vorbereiteten Todesanzeige eine Clownsnase trug.

Er liebte das Leben und die Lust

Wer die Chance hatte, Jürgen Baldiga persönlich zu begegnen, mit ihm zu arbeiten oder zu feiern, konnte sich seiner Ausstrahlung nur schwer entziehen. Er liebte das Leben, das subversive Vergnügen, den Rausch, die schwule Lust und seinen großen Schwanz. Als Fotograf hatte eine besondere Vorliebe für Schräges und Geiles, für Freaks und Tunten, Auftragsarbeiten hingegen waren so gar nicht sein Ding. Hatte er keine persönliche Beziehung zum Thema, produzierte er nur Murks.

Poster zum Film: "Rettet das Feuer" gibt es vom 30. April bis 27. Mai 2020 exklusiv auf salzgeber.de

Baldiga war Ende der Achtzigerjahre einer der ersten Menschen in Deutschland, die Aids ein Gesicht gaben. Seine Porträts ausgemergelter Männer mit Kaposi-Sarkom wurden weit über die schwule Szene hinaus bekannt. Überhaupt brachte Aids den Autodidakten erst zur Fotografie, die für ihn kreative Ablenkung, Mutmacherin und letzlich auch Chance war im Kampf gegen das Virus im eigenen Körper: "Ich mache ein Foto. Ich fotografiere die Welt. Ich existiere", schrieb Baldiga in sein Tagebuch. Gleichzeitig sorgte er dafür, dass die stigmatisierten Opfer der damals noch tödlichen Krankheit nicht vergessen werden.

"Wer mitschreibt, wird belohnt" 

Die Angst, nach dem Tod keine Spuren in der Welt zu hinterlassen, machte Baldiga fast rasend. "Können wir unsere Erlebnisse zu Geschichten machen? Können wir unsere Geschichten zu Büchern machen und unsere Bücher zu Bibliotheken?", fragte er sich im Tagebuch. Das er wohl auch deshalb schrieb, um sich seinen Platz im kollektiven Gedächtnis zu sichern: "Wer mitschreibt, wird belohnt", wusste er. Seinen besten Freund Aron Neubert beauftragte er frühzeitig mit der Verwaltung seines umfangreichen Nachlasses, zu dem neben Tausenden Fotos auch in der Doku gezeigtes Filmmaterial gehört. 

Vermutlich dürfte es Jürgen ganz und gar nicht gefallen, dass ein Film über ihn erst so spät, über ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod gedreht wurde – von einem Regisseur, der 1993 gerade mal erst 13 Jahre alt war. Doch Jasco Viefhues hat ihm mit der genau richtigen Mischung aus Abstand und Bewunderung – und einem sehr passenden Soundtrack – ein würdiges Denkmal gesetzt. Wenn er die Weggefährt*innen Paula Sau, Renate Wanda De la Gosse und Mignon bei Törtchen und Sektchen plaudern lässt, hätte es Ralf König nicht besser erzählen können. 

Der Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie zeigt zudem eindrucksvoll, dass die Bewahrung queerer Geschichte, die Baldiga so sehr am Herzen lag, zumindest in Berlin gut funktioniert und das Schwule Museum mit seinem einzigartigen Archiv daran einen sehr großen Anteil hat. Mit "Rettet das Feuer" hat Jürgen Baldiga den Tod schließlich doch noch überlebt.



Ein Film von Jasco Viefhues

DE 2019, 82 Min., deutsche OF (English subtitles available), FSK 12 

Berlin, 1993. Der Fotograf und Künstler Jürgen Baldiga kämpft gegen das HI-Virus. Anfang der neunziger Jahren hat die Aids-Epidemie ihren Höhepunkt erreicht, auf den Niemand vorbereitet war. Ganze Freundeskreise verschwinden, und mit den Menschen gehen oftmals auch ihre Geschichten verloren, als hätte es sie nie gegeben. Den Tod der Freunde und den eigenen vor Augen wird Baldiga zum Chronisten seiner Zeit, der überlebenswichtige Sichtbarkeit schafft. „Ich mache ein Foto. Ich fotografiere die Welt. Ich existiere.“




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