© Juan F. Alvarez Moreno

Berichte

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SEIN ERSTER EIGENER CSD

Nasser El-Ahmad wurde von der LGBT-Community aufgenommen, als seine Familie ihn verstoßen hatte. Heute will er etwas zurückgeben und plant trotz Corona einen eigenen CSD.

"Sie wurde mit einem Döner beworfen und mit einem Gürtel geschlagen", erzählt Nasser El-Ahmad und schlägt dabei immer wieder mit der Hand auf den Tisch. Der 23-jährige Aktivist ist aufgebracht, er berichtet von einem Übergriff auf eine befreundete Dragqueen. "Diskriminierung von LGBT-Menschen findet auch in der Corona-Pandemie weiter statt", sagt er.

El-Ahmad ist zu einem Berliner Treffpunkt der LGBT-Szene gekommen, um von seinem Rettungsplan für den Christopher Street Day zu erzählen. Als er Mitte April erfuhr, dass der für den 25. Juli geplanten CSD in Berlin wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde und nur online stattfinden sollte, beschloss er, seinen eigenen CSD zu starten. Ihm bedeute der CSD viel, denn das sei der Tag, an dem LGBT-Menschen ihre Rechte einforderten und den dürfe man nicht einfach ausfallen lassen, sagt er. Mit einigen anderen Aktivisten meldete El-Ahmad darum eine Laufdemonstration für Samstag, den 27. Juni an. 

Nasser El-Ahmad weiß, wie es ist, wenn die eigenen Rechte missachtet werden. 2012 wurde sein Leben plötzlich gefährlich, als er in der Schule zwangsgeoutet wurde. Vor seiner konservativen Familie in Neukölln hatte er seine Sexualität bisher verborgen: "Ich war der ältere Sohn, das zukünftige Familienoberhaupt", sagt er. Nach dem Outing sei er misshandelt worden. Ein Onkel habe ihn mit Benzin übergossen und gedroht, ihn anzuzünden. Außerdem sei er mit kochendem Wasser verbrüht worden. Aus Angst sei er von zu Hause weg. Damals war er 15 Jahre alt.

"DIE COMMUNITY HAT MICH AUFGENOMMEN UND SICH UM MICH GEKÜMMERT, ALS ICH VON MEINER FAMILIE VERSTOSSEN WURDE.

Das Jugendamt übernahm, El-Ahmad zog in eine Jugend-WG. Zwei Monate später entführten ihn sein Vater und sein Onkel. Der Plan der Familie sei gewesen, Nasser im Libanon mit einem Mädchen zu verheiraten. "Sie drohten, mich zu töten", erinnert er sich. Das Jugendamt bemerkte Nassers Verschwinden und meldete das der Polizei, die schaltete Interpol ein. An der bulgarischen Grenze habe El-Ahmad bei einer Polizeikontrolle auf sich aufmerksam machen können – die hätte seine Weiterreise verhindert und ihn zurückgebracht, erzählt er heute. Seine Familie zeigte er später wegen Freiheitsberaubung an. Kontakt zu ihr hat El-Ahmad seither keinen.

El-Ahmed ist gläubig, liest den Koran, fastet im Ramadan und versucht, fünfmal am Tag zu beten. "Ich bin ein schwuler Muslim", sagt er. Dass seine Familie das nicht akzeptieren konnte, war für ihn sehr schwer. Die LGBT-Community habe ihn in dieser Zeit gerettet, sagt er.

El-Ahmad hatte 2014 eine Demonstration in Neukölln, in der Nähe des Hauses seiner Eltern, organisiert, um auf seine Geschichte aufmerksam zu machen. "Es sollte eine Art Befreiung für mich werden, ich dachte es kommen vielleicht zwanzig Leute", sagt er heute. Doch es kamen Hunderte und so wurde El-Ahmad in der Szene bekannt. Auf der Demonstration lernte er Aktivisten kennen, sie unterstützen den 18-Jährigen später im Prozess gegen seine Familie. Hier habe er erstmals das Gefühl gehabt, ganz und gar akzeptiert zu werden, sagt er. "Die Community hat mich aufgenommen und sich um mich gekümmert, als ich von meiner Familie verstoßen wurde."

Die Community hat El-Ahmad damals gerettet, heute will er sie retten. Und das beginnt für ihn beim CSD. Er wird aus der Szene auch für sein Vorhaben kritisiert, die Pandemie ist für Community-Mitglieder ein schwerwiegendes Argument gegen eine solche Veranstaltung. Aber El-Ahmad ist wichtig: Es geht hier nicht um Party, es geht um Politik. Er will keine Aktion wie die viel kritisierte Schlauchbootparty in Berlin-Kreuzberg an Pfingsten, wo aus einer angemeldeten Demonstration am Ende eine Feier mit mehreren Tausend Menschen wurde.

Sein Plan hat auch etwas mit dem seit Jahren schwelenden Grundkonflikt in der Szene zu tun. Mit welchen Mitteln soll man für seine Rechte kämpfen? Zwei Vorstellungen treffen hier aufeinander.

Der Streit innerhalb der Community dreht sich um das Thema Kommerzialisierung des CSD. Zwischen Musik, Alkohol und einem Massenpublikum sehen Kritiker wie El-Ahmad kaum Platz für politische Forderungen. Das Verbot von Großveranstaltungen wegen Corona bietet ihnen eine Chance. "Wir wollen zurück zu unseren Wurzeln, zu einem politischen CSD", sagt er. Deswegen habe er zu der Demo auch Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Ausland eingeladen, die über Missstände in ihrer Heimat berichten sollen.

Zurück zu den Wurzeln bedeutet für El-Ahmad: Man müsse sichtbar sein, sich politisches Gehör verschaffen. So wie die LGBT-Menschen, die 1969 in einer Bar an der Christopher Street in New York während einer Razzia gegen die Willkür der Polizei rebellierten. Die Schlägerei wurde zu einem Aufstand, am Ende standen 2.000 Protestierende 400 Polizisten gegenüber. In dieser Nacht des 27. zum 28. Juni 1969 entstand die LGBT-Bewegung, die seither jedes Jahr am Christopher Street Day demonstriert.  

Juan Alvarez Moreno für ZEITONLINE

Für den jungen Aktivisten ist klar: Die Community braucht diesen Tag, denn noch immer ist Homosexualität in 68 Ländern illegal, in zwölf wird sie mit dem Tod bestraft. In Osteuropa verschlechtert sich die Situation zunehmend: Seit 2013 gilt in Russland das Gesetz gegen "Homo-Propaganda", seit Monaten erklären sich immer mehr polnische Gemeinden zu "LGBT-ideologiefreie Zonen". Vor einem Monat verbot das ungarische Parlament Transpersonen, standesamtlich ihr Geschlecht zu ändern. Und auch in Deutschland wurden 2019 70 Prozent mehr Gewalttaten gegen LGBT-Menschen registriert als im Vorjahr, insgesamt 147 Fälle.

"Save our Community, Save our Pride", lautet das Motto der Demo. Die LGBT-Community zu retten, das ist für eine kleine Gruppe von Aktivisten eine ambitionierte Aufgabe. Sie fordern deswegen Unterstützung von Politik und Gesellschaft und einen Ansatz, um die Szene vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Denn die Cafés, Kulturstätte, Vereine und Clubs, die die Berliner Community zusammenhalten, sind von der Corona-Krise schwer getroffen, durch den Lockdown mussten viele schließen und Einnahmen blieben aus. Ohne diese Orte hätte die Community keine Räume mehr, in denen sie sichtbar bleibt und sich offen für ihre Rechte einsetzen kann. "Man muss die Pandemie ernst nehmen, aber das Leben muss weitergehen", sagt El-Ahmad.

Die Veranstalter des offiziellen CSD äußern sich diplomatisch: "Jeden, der gegen Missstände auf die Straße geht, heißen wir willkommen. Es gibt kein Monopol auf den Namen CSD", sagt Ralph Ehrlich, Vorstandsmitglied beim CSD e. V.

Die Organisatoren des bisherigen CSD leiden unter der Absage der Großveranstaltung: "Sponsoring, Gastronomie, Getränkeverkauf, diese Einnahmen sind uns weggebrochen", sagt Ehrlich. Mittlerweile ist von einem rein digitalen CSD nicht mehr die Rede: Es sei zusätzlich eine "ortsfeste Demonstration" am 25. Juli im Nollendorfkiez geplant. Damit möchte man auch die Geschäfte und Bars vor Ort unterstützen. "Geplant sind maximal 1.000 Teilnehmer. Zum Vergleich: Letztes Jahr kam eine Million Menschen zum CSD", sagt Ehrlich.

"Wir mussten überlegen, wie wir einen CSD mit bestem Gewissen organisieren können. Als Veranstalter haben wir ja eine Haftung dafür", sagt Lutz Ermster, ebenfalls Vorstandsmitglied.

Über den CSD von El-Ahmad will er nichts Schlechtes sagen, gibt aber zu bedenken: "Man muss sich vielleicht Sorgen machen über eine Laufdemo, die keinerlei Begrenzung bei der Teilnehmerzahl unterliegt. Als Community tragen wir eine Verantwortung und wollen negative Bilder vermeiden."

El-Ahmad sieht das anders: "Gerade bei einer Laufdemo können sich Menschen bewegen und die Abstandsregeln besser einhalten."

"MAN SOLL UNS NICHT VERURTEILEN, WEIL WIR UNS FÜR UNSERE RECHTE EINSETZEN."

Um Ansammlungen zu vermeiden ist geplant, dass sich die Demonstranten nach einer kurzen Kundgebung schnell in Bewegung setzen. Beide Fahrtrichtungen werden auf der Straße gesperrt, damit Demonstranten 1,5 Meter Abstand halten können. Mundschutz wird empfohlen. Damit die Polizei logistisch vorbereitet ist, haben die Organisatoren 500 bis 1.000 Teilnehmer angemeldet. Das ist aber nur eine Schätzung: Wie viele am Ende kommen, kann niemand sagen. "Ich kann die Leute nicht kontrollieren, nur ganz deutlich und immer wieder auf die Regeln hinweisen", sagt El-Ahmad, während er auf dem Tisch klopft. Und was, wenn die Maßnahmen doch nicht eingehalten werden? "Dann bin ich steinhart und stelle mich sofort der Verantwortung: Die Demo wird beendet." Er verstehe die Bedenken der Kritikerinnen und Kritiker, "aber man soll uns nicht verurteilen, weil wir uns für unsere Rechte einsetzen", sagt er.

Damals, nachdem die Polizei El-Ahmads Entführung verhindern konnte und er zurück in Berlin war, zog er in eine Jugend-WG. Dort unterstützte ihn ein Sozialarbeiter und half bei der Orientierung. "Nasser hat eine unglaubliche Kraft als Aktivist", sagt dieser Sozialarbeiter, dessen Name aus beruflichen Gründen nicht genannt werden soll. "Ich machte mir aber manchmal Sorgen, dass er seine Grenzen nicht kennt. Er weicht nicht zurück", sagt er angesichts dessen Entwicklung zum Aktivisten.

"Ich würde alles wieder so machen, sonst wäre ich noch immer unterdrückt und würde hier nicht sitzen", sagt El-Ahmad, wenn er auf sein bisheriges Leben zurückblickt. Er möchte anderen Menschen einen so harten Weg wie seinen ersparen. Für seine Rechte zu kämpfen und Leute zu haben, die einen dabei unterstützen, das sei das Wichtigste, sagt er. Die Demonstration am Samstag ist sein Kampf für andere und sein Dankeschön an die Community.   


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