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Berichte

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Die Kriminalisierung von Homosexualität: 150 Jahre § 175

Heute vor genau 150 Jahren – am 31. Mai 1870 – trat das Strafgesetzbuch des Norddeutschen Bundes in Kraft. Erstmals mit dabei: der Paragraph 175, der zu einem Symbol der Strafverfolgung Homosexueller wurde.

In den Jahren 1869 und 1870 wurde viel über das geplante neue Strafgesetzbuch des Norddeutschen Bundes diskutiert. Viele hofften auf ein Ende der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Männer, denn schließlich hatten sich Mediziner, auf deren Expertise man eigentlich hören wollte, und auch einige Juristen für eine Legalisierung ausgesprochen. Der Homosexuellenaktivist Karl Heinrich Ulrichs machte sich bereits Gedanken über die Rehabilitierung der bisher Verurteilten. Aber wider Erwarten wurde von Politikern an der Strafbarkeit von Homosexualität festgehalten.

Es kam sogar noch schlimmer: Mit diesem § 175 wurden die Weichen für die nächsten 120 Jahre gestellt, denn er wurde ausschlaggebend für das Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches von 1871, von den Nazis verschärft und von der BRD übernommen. In der BRD war der § 175 (neben § 218, der Abtreibung regelte) die bekannteste Strafgesetznummerierung und Schwule wurden über Jahrzehnte als "175er" aufs Übelste beschimpft. Erst 1994 – im Zuge der deutschen Wiedervereinigung – wurde der Paragraph gestrichen.

Zur Geschichte des § 175 wurde schon viel geschrieben, wie zum Beispiel das Buch "Die Geschichte des § 175. Strafrecht gegen Homosexuelle", herausgegeben vom Verein Freunde eines Schwulen Museums in Berlin e.V. (1990). Ich möchte daher die strafrechtlichen Diskussionen in den Jahren 1869 und 1870 fokussieren.

Die Diskussion um das Strafrecht für den Norddeutschen Bund (1869-1870)

Das Gebiet des früheren Norddeutschen Bundes (1866-1871) war größer als das der heutigen BRD. Es umfasste alle deutschen Gebiete nördlich der Mainlinie und reichte bis zur Memel in Ostpreußen. Es stand zwar unter preußischer Führung, hatte aber seinen eigenen Reichstag, dem ein Bundesrat gegenüberstand, der die Regierungen der Mitgliedsstaaten, die überwiegend aus Monarchien bestanden, vertrat.

Der Norddeutsche Bund stand zwar unter preußischer Vorherrschaft, sollte aber nicht das Strafgesetzbuch von Preußen übernehmen, sondern – wohl um den Eindruck einer nicht allzu totalen Hegemonie Preußens zu erwecken – ein eigenes Strafgesetzbuch bekommen. Nach dem Vorbild anderer europäischer Staaten wie Bayern, Frankreich und Belgien wäre es eine Chance gewesen, auch im Norden Deutschlands Homosexualität zu entkriminalisieren. Aber es kam anders.



Der spätere "Entwurf eines Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund" (Juli 1869) sah die Strafbarkeit männlicher Homosexualität vor. Der Paragraph – hier noch als § 152 ausgewiesen – hatte den Wortlaut: "Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts, oder von Menschen mit Thieren verübt wird, ist mit Gefängnis bis zu zwei Jahren zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden" (S. 44). Sowohl die Nummer als auch die hier unterstrichenen Textstellen wurden später noch leicht verändert. Eine strafrechtliche Verurteilung konnte nicht nur juristische, sondern auch massive soziale Konsequenzen haben. Der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte konnte unter anderem zum Entzug des aktiven und passiven Wahlrechts führen.

Friedrich Engels befürchtet 1869 die Anerkennung der "Rechte des Arsches"

Neben offiziellen Positionen gab es auch privat geäußerte Meinungen. Die Meinung von Friedrich Engels, dem bekannten Marxisten, kennen wir aus einem Brief, den er am 22. Juni 1869 an seinen Freund Karl Marx schrieb: "Aber warte erst, bis das neue norddeutsche Strafgesetz die droits du cul [Rechte des Arsches] anerkannt hat. […] Uns [….], mit unsrer […] Neigung für die Weiber, wird es dann schlecht […] gehen" (abgedruckt in: Marx/Engels: "Werke", 32. Bd., S. 324-325). Dieser Brief gilt heute als wichtigstes Dokument, um Engels' Einstellung zur Homosexualität nachzuvollziehen. Seine ironischen Formulierungen in diesem Brief verdeutlichen authentisch seine homophobe und überhebliche Sicht auf homosexuelle Männer (zur Einordnung des ganzen Briefes.

Mediziner kämpfen gegen den § 175

Das ausführliche "Gutachten der Königlichen Wissenschaftlichen Deputation für das Medizinal-Wesen" vom 24. März 1869 ist vollständig im Buch "Erörterung strafrechtlicher Fragen aus dem Gebiete der gerichtlichen Medizin. Anlage 3: zu den Motiven des Strafgesetzentwurfes für den Norddeutschen Bund" (1869, S. 17-51, s. S. 30-31) abgedruckt und macht zwei Drittel des gesamten Buches aus. Die Deputation lässt sich hier zunächst über die Onanie aus, die sie als gefährlicher als den Sex mit Tieren ansieht. Man konnte auf wissenschaftliche Erkenntnisse verweisen, dass bei Letzterem keine Lebensformen zwischen Mensch und Tier entstehen konnten.)

Die "Nachahmung" des heterosexuellen Geschlechtsverkehrs unter Männern wurde, abgesehen von möglichen "örtlichen Verletzungen", nicht als "nachtheilig" angesehen. Weil die Bewertung der "Unsittlichkeit" nicht zur "Kompetenz der medizinischen Sachverständigen" gehöre, sah sich die Deputation "nicht in der Lage", Gründe zu nennen, warum der Sex zwischen Männern "mit Strafe bedroht werden sollte". Sie bat den Gesetzgeber sogar ausdrücklich darum, zu erwägen, die Aufhebung des Paragraphen auch im preußischen Strafgesetzbuch vorzunehmen. 

Unterschrieben war das Gutachten unter anderem von dem berühmten Arzt und liberalen Politiker Rudolf Virchow (1821-1902). Gisela Bleibtreu Ehrenberg bezeichnet in ihrem Buch "Tabu Homosexualität" (1978, S. 203) den Tonfall des Gutachtens als "weniger überzeugend als überheblich" und seine Wirkung daher als "absolut negativ".

Juristen kämpfen gegen den § 175

Zu den wenigen Juristen, die sich gegen den § 175 aussprachen, gehörte der Kriminalist Richard Eduard John (1827-1889). In seinem Buch "Entwurf mit Motiven zu einem Strafgesetzbuche für den Norddeutschen Bund" (1868, S. 400) betont er, dass das strafrechtliche Verbot männlicher Homosexualität, wie es im preußischen Strafgesetz verankert sei, für den Norddeutschen Bund "überflüssig" werde, "wenn erstens eine Strafbestimmung hinsichtlich der Aergerniß erregenden Verletzung der Schamhaftigkeit existiert und zweitens unzüchtige Handlungen mit Kindern […] mit Strafe bedroht werden. Im Uebrigen wird man zwar Ekel empfinden, wenn ein Mensch sich wie ein Vieh und ärger als ein Vieh beträgt; dies findet aber auch in anderen Verhältnissen statt, wo man doch, wie z. B., wenn sich jemand viehisch betrunken hat, Bedenken trägt, Strafbestimmungen aufzustellen."

Es ist typisch für eine Argumentationsstrategie wie diese, dass mit Gerechtigkeit argumentiert wird und dass deutlich dem Eindruck entgegengewirkt wird, als habe man irgendwelche Sympathien für homosexuelle Handlungen.

Ulrichs kämpft gegen den § 175

Der Homosexuellenaktivist Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) veröffentlichte zwischen 1864 und 1879 zwölf bedeutende Schriften zur homosexuellen Emanzipation. In seiner achten Schrift vom Mai 1869 ging Ulrichs noch davon aus, dass nach dem neuen Strafgesetzbuch für den Norddeutschen Bund homosexuelle Männer nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden würden, und forderte – in logischer Konsequenz – die Entlassung aller derzeit in Haft sitzenden Verurteilten ("Incubus", 1869, S. 92-93).

Einige Monate später war ihm aber bereits klar, dass die Strafbarkeit aufrechterhalten werden würde, und er forderte in der darauffolgenden Schrift von September 1869 die von ihm geschätzten 1.200 homosexuellen Männer in "Norddeutschland auf, ein Land zu verlassen, das unsere Liebe aufs neue feierlich zum Verbrechen stempelt. Sich nicht länger als Verbrecher behandeln zu lassen, wird nunmehr wirklich zur Ehrensache." Mit aller Deutlichkeit kritisierte er die juristische Argumentation, nach der sich vom Standpunkt der Medizin die Abschaffung zwar rechtfertigen lasse, als entscheidend aber das Rechtsbewusstsein des Volkes angesehen werde ("Argonauticus", 1869, S. 153-154).

Ulrichs schickte am 28. November 1869 einen Brief an die Kommission für das Norddeutsche Strafgesetz, um die "Abschaffung der Bestrafung der Natur" zu erreichen, und legte diesem Brief seine sechste und neunte Schrift bei ("Prometheus", 1870, S. 72). Diese Schrift liegt nicht als Online-Scan vor, ist aber, wie alle Schriften Ulrichs', als Reprint erhältlich.) Später wies Ulrichs darauf hin, in welchen Ländern das Gesetz des Norddeutschen Bundes keine Gültigkeit habe ("Araxes", 1870, S. 28-29; "Araxes" ist die letzte von fünf hier eingescannten Broschüren). Was Ulrichs zu dieser Zeit nicht wissen konnte: Die Straflosigkeit in den von ihm genannten Ländern, wie zum Beispiel Bayern, sollte nur noch ein Jahr lang bis zur Reichsgründung 1871 gelten.

Ulrichs' Engagement wird neben seinen publizierten Schriften auch durch seine Briefe deutlich. Zwei Briefe schrieb Ulrichs an den preußischen Justizminister Adolph Leonhardt (1815-1880), den er kannte, weil er ihm als Prüfer bei seiner zweiten Staatsprüfung gegenübergesessen hatte. In seinem Brief vom 30. September 1868 bezeichnet sich Ulrichs als Wortführer Tausender von Mitmenschen und bittet Leonhardt, sich für Homosexuelle einzusetzen: "Im Namen der Gerechtigkeit und im Namen der Menschlichkeit bitte ich um Gehör!" In seinem zweiten Brief vom 4. März 1869 bittet ihn Ulrichs – der zu diesem Zeitpunkt erkennbar von einer absehbaren Legalisierung ausging – um die Begnadigung verurteilter Homosexueller (s. Hubert Kennedy im Reprint von Ulrichs' Schriften, 1994, hier 8./9. Schrift, S. 13-17).

Ulrichs' Engagement für Homosexuelle ist, unter anderem in Bezug auf das Strafrecht, bis heute beeindruckend. Er hat Politiker dazu gebracht, sich mit dem § 175 zu beschäftigen. In den "Verhandlungen des Reichstages des Norddeutschen Bundes" (1870, 3. Bd., S. 208) ist seine Eingabe zumindest als Aktenstück ausdrücklich erwähnt.


Kertbeny kämpft gegen den § 175

Karl Maria Kertbeny (1824-1882) veröffentlichte mehrere Schriften über Homosexualität. 
Das Porträtfoto entstand um 1865 (Bild: James Steakley / wikipedia)




Karl Maria Kertbeny (1824-1882) war ein österreichisch-ungarischer Schriftsteller, der mit seinen diversen Schriften zur homosexuellen Emanzipation zu den wichtigsten deutschsprachigen Theoretikern der Homosexualität im 19. Jahrhundert gehört – also lange, bevor es eine Homosexuellenbewegung gab. Aus Protest gegen die geplante Strafandrohung für Homosexualität im Norddeutschen Bund veröffentlichte Kertbeny im Herbst 1869 anonym die Broschüre "Paragraph 143 des Preussischen Strafgesetzbuches vom 14. April 1851". Dieser Text ist durch einen Nachdruck im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (7. Jg., 1905, S. 3-66) und als Separatdruck (1905) online verfügbar.

Wie Ulrichs richtet sich auch Kertbeny direkt an den preußischen Justizminister Adolph Leonhardt, verweist auf die Straffreiheit in einigen Ländern Europas (S. 3-4) und gibt danach die Positionen des preußischen Kultusministers Heinrich von Mühler und die der Mediziner wieder (S. 5-8). Er argumentiert geschickt, wenn er darauf verweist, dass Adolph Leonhardt nicht nur in Preußen, sondern auch schon vorher im Königreich Hannover Justizminister gewesen sei, wo Homosexualität entkriminalisiert worden sei und von wo Leonhardt daher die "praktischen Resultate" einer Straffreiheit kenne (S. 66). Kertbenys Broschüre ist spannend zu lesen, heute jedoch aus einem ganz anderen Grund bedeutsam: Kertbenys hat hier auf Seite 38 seine Wortschöpfung "Homosexualität" zum ersten Mal verwendet.

Die politische Entscheidung: Homosexualität bleibt strafbar

Entscheidend für das künftige Strafrecht waren vor allem die Meinungen des preußischen Justizministers Adolph Leonhardt (1815-1880) und des preußischen Kultusministers Heinrich von Mühler (1813-1874). Aus der oben bereits angeführten "Erörterung strafrechtlicher Fragen aus dem Gebiete der gerichtlichen Medizin. Anlage 3: zu den Motiven des Strafgesetzentwurfes für den Norddeutschen Bund" (1869) werden auch die Positionen der beiden Politiker deutlich. Aus der Stellungnahme Leonhardts vom Oktober 1868 ist ersichtlich, dass er sich allenfalls eine mögliche Straffreiheit für Sex mit Tieren vorstellen konnte (S. 9-10). Dagegen betonte von Mühler im April 1869 unmissverständlich, dass es ihm "im Interesse der öffentlichen Moral unstatthaft erscheint, Sodomiterei und Päderastie, auch wenn sie offenkundig getrieben werden, mit keiner Strafe zu bedrohen", und dass er die "Rechtfertigung der Strafbestimmung auch gegenüber dem Gutachten der wissenschaftlichen Deputation für wohlbegründet" hielt (S. 16). 

Der deutsche Soziologe Jörg Hutter vertritt den Standpunkt, dass das Justizministerium später Mühlers klare Position offenbar nicht habe übergehen wollen, und sei entgegen der ursprünglichen Absicht, die Entscheidung von dem medizinischen Gutachten abhängig zu machen, an der Strafbarkeit von Homosexualität festgehalten worden. Laut dem US-amerikanischen LGBT-Aktivisten und Ulrichs-Biographen Hubert Kennedy verwunderte es nicht wenige Menschen, dass die Regierung ein medizinisches Gutachten in Auftrag gegeben hatte, dessen Ergebnis sie später jedoch vollkommen ignorierte.

Der in Kraft gesetzte § 175

Der Entwurf des norddeutschen Strafgesetzbuches wurde von Februar bis Mai 1870 im Reichstag des Norddeutschen Bundes beraten und nach kleineren Änderungen am 31. Mai 1870 in Kraft gesetzt. Im "Strafgesetzbuch für den Norddeutschen Bund. Mit Erläuterungen aus den Motiven und der auf das bisherige Preußische Strafgesetzbuch bezüglichen Rechtsprechung des königlichen Obertribunals" (1870, S. 103) wurde zunächst der neue Gesetzestext des § 175 abgedruckt:

Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.

Durch die auf derselben Seite abgedruckten Kommentare erfährt man, dass gegenseitige Onanie von Männern weiterhin straffrei blieb. Bei einer strafbaren Penetration machte sich auch der sexuell Passive "strafbar, selbst wenn er eine Befriedigung seines eigenen Geschlechtstriebs nicht gesucht hat". Hier hatte der Gesetzgeber wohl heterosexuelle Stricher vor Augen. (Aus späteren Entscheidungen des Reichsgerichts ist ersichtlich, dass meistens "nur" das Eindringen in den Körper und damit auch Oralverkehr als strafbare Handlung interpretiert wurde.)

Am wichtigsten ist jedoch ein Zusatz, der in späteren Texten mehrfach zitiert wurde: "Denn selbst, wenn man den Wegfall dieser Strafbestimmungen vom Standpunkt der Medizin, wie durch manche der, gewissen Theorien des Strafrechtes entnommenen Gründe rechtfertigen könnte, – das Rechtsbewußtsein im Volke beurtheilt diese Handlungen nicht blos als Laster, sondern als Verbrechen, und der Gesetzgeber wird billig Bedenken tragen müssen, diesen Rechtsanschauungen entgegen Handlungen für straffrei zu erklären, die in der öffentlichen Meinung als strafwürdige gelten." 

Diese Argumentation, die sich mit der von Mühler deckt, sollte erklären, warum das medizinische Gutachten und wissenschaftliche Erkenntnisse einfach ignoriert wurden und nur aufgrund eines Gefühls homosexuelle Männer weiterhin zu Gefängnisstrafen verurteilt werden sollten.

Der § 175 seit der Reichsgründung 1871

Am 1. Januar 1872 wurde aus dem Strafgesetzbuch des Norddeutschen Bundes das Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches. Nahezu wortgleich – auch mit seinem preußischen Vorbild aus dem Jahr 1851 – bestimmte der neue § 175 im "Strafgesetzbuch für das deutsche Reich" (hier S. 310): "Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden."

Dieser nun für das gesamte Deutsche Reich einheitliche § 175 hatte in den verschiedensten Regionen Deutschlands unterschiedliche Veränderungen zur Folge. In Preußen kam er einer Strafmilderung gleich, weil das bisherige preußische Strafrecht zuvor Gefängnis "von sechs Monaten bis zu vier Jahren" vorgesehen hatte. In Ländern wie Bayern und Elsaß-Lothringen gab es dagegen nach Jahrzehnten der Straffreiheit erstmals wieder eine neue Kriminalisierung homosexueller Männer.

Unter den Nationalsozialisten galt das RStGB fort und wurde verschärft. Die DDR kehrte 1950 zur alten Fassung des § 175 zurück, die BRD übernahm den verschärften NS-Paragraphen, reformierte ihn 1969 und 1973 und schaffte ihn 1994 endgültig ab. Sowohl in der ersten deutschen Homosexuellenbewegung im deutschen Kaiserreich als auch in der zweiten seit den Siebzigerjahren war die Streichung eines der Hauptanliegen.


Titelseite der ersten schwulen Kiosk-Zeitschrift "Die Freundschaft" von 1919



Gründe und Hintergründe
Dieser Artikel soll nicht so verstanden werden, als wäre 1869 der Beginn einer strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Männer gewesen. Die Gesetze, nach denen sie verurteilt wurden, tragen viele Namen. Nur der § 175 hat es jedoch erreicht, zu einem Symbol staatlicher Homosexuellenverfolgung zu werden.

Nach den verschiedenen Fassungen des § 175 sollen insgesamt etwa 140.000 Männer verurteilt worden sein. Von diesen Statistiken halte ich nicht viel, weil dieser Paragraph zum einen auch vieles kriminalisierte, was nichts mit Homosexualität zu tun hat, wie zum Beispiel sexuelle Handlungen mit Tieren. Zum anderen wichen Richter oft auf Straftatbestände wie "Beleidigung" aus, weil sie einem Mann das strafrechtlich relevante Eindringen in den Körper eines anderen Mannes nicht zweifelsfrei nachweisen konnten.

Das medizinische Gutachten kann sowohl wegen der Positionierung zur Onanie und zu anderen Themen als auch im gesamten Tonfall befremden. Ich finde es jedoch sehr angenehm, dass die Mediziner hier nur auf medizinische Aspekte hinwiesen (wie mögliche Verletzungen beim Analverkehr) und darauf aufmerksam machten, dass sie keine moralische Instanz seien. An dieser Einstellung hätten sich die Politiker ein Beispiel nehmen sollen.

Die politische Entscheidung über die Einführung des § 175 war erkennbar keine Kopf-, sondern eine Bauchentscheidung. Die Politiker hatten sich keine Gedanken über Gerechtigkeit und verletzte Rechtsgüter gemacht, sondern haben offenbar versucht, ihre gefühlsmäßige Ablehnung mit scheinbar sachlichen Argumenten zu untermauern. Die Frage, warum nach der Bereitschaft vieler Mediziner und einiger Juristen, den geplanten Paragraphen zu streichen, trotzdem an der Strafbarkeit festgehalten wurde, bleibt dennoch offen. Vielleicht ging es nur um eine gefühlsmäßige Ablehnung, vielleicht aber auch um bewusste Zugeständnisse an die Kirchen. Vielleicht lag es am öffentlich diskutierten Skandal um Carl von Zastrow, der im Herbst 1869 verurteilt wurde, wobei die Medienberichte die gesellschaftliche Einstellung zur Homosexualität negativ beeinflussten.

Ulrichs konnte sich sogar gut vorstellen, dass die dominante Ehefrau des Kultusministers Heinrich von Mühler, Adelheid, für ein Verbot ausschlaggebend gewesen sei (s. Ulrichs: "Critische Pfeile", 1879, S. 76) – was sich als Spekulation mit frauenfeindlichem Unterton interpretieren lässt. Ich persönlich finde den Gedanken unerträglich, dass eine 120-jährige Verfolgungsgeschichte möglicherweise nur von der persönlichen Aversion einzelner Personen gegen homosexuelle Handlungen abhängig war.

Neben einer Bauchentscheidung ging es auch um unterschiedliche Auffassungen, wozu das Strafrecht dienen sollte: Die Mediziner in der Deputation vertraten eine – auf die Aufklärung zurückgehende – liberale Strafrechtsauffassung, wonach Strafrecht und Moral voneinander zu trennen seien und nur Handlungen bestraft werden dürfen, die anderen oder der Gesellschaft schaden. Die preußischen Minister vertraten dagegen eine Strafrechtsauffassung, wonach das Strafrecht auch die gesellschaftliche (hier christliche) Moral stützen sollte. 

Beide Auffassungen kennt man bis heute, weil sie die Strafrechtsdebatten zu Themen wie Inzest und Suizid prägen. In der Politik kommt es nicht selten vor, dass Bauchgefühle rationalisiert werden, d.h. es wird im Nachhinein nach Argumenten gesucht, um eine schon vorher getroffene gefühlsmäßige Entscheidung zu legitimieren.


Die teuer erkämpfte Leerstelle


Heute steht hinter der Nummer des § 175 StGB der lapidare Hinweis "weggefallen" – ein Wort, das nicht wirklich den mehr als 120-jährigen Kampf für eine homosexuelle Emanzipation auszudrücken vermag. Im Herbst 2019 wollten Politiker diese Lücke mit dem strafrechtlichen Verbot von "Konversionstherapien" neu befüllen. Die Bedeutung des § 175 hätte man so ins Gegenteil verkehrt: Nicht die Homosexuellen würde man so kriminalisieren, sondern die, die Homosexuelle zu "heilen" vorgeben.

Ich fand diese (kritisierte und nicht umgesetzte) Idee gut, kann aber auch den Wunsch nach einer Leerstelle nachvollziehen. Für mich wäre es jedoch unvorstellbar, unter dem § 175 eine beliebige andere Tat zu kriminalisieren. Diesen Platz haben wir uns freigekämpft und hier darf nichts anderes stehen! Auch die Diskussion um diese "Platzbenennung" macht deutlich, wie emotional der § 175 StGB immer noch besetzt ist – bis heute.


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