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17 Apr 2020 Berichte

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Kein Sex mit Männern, die keine Fetten wollen!

Die große Angst, in der Heimquarantäne "dick" zu werden, offenbart ein generelles Problem mit Dickenphobie in der schwulen Community. Eine Studie dazu und ein paar Ideen, wie wir das ändern können.

Na, hat dir heute schon jemand gesagt, dass du zu fett bist? Oder hast du dir heute schon dein Spiegelbild angeguckt und dich hässlich gefunden, weil du nicht aussiehst wie ein 23-Jähriger, der jeden Tag in die Muckibude rennt? Nicht? Was ist denn mit dir los? Bist du überhaupt richtig schwul? Weil: Schwule Männer machen sowas zu einem erstaunlich großen Anteil ständig.

Der aktuellste Beweis: die Angst davor, nach der Heimquarantäne, in der ja auch Fitnessstudios geschlossen sind, "fett" zu sein, generell Gewicht zugelegt zu haben oder nicht mehr der Körpernorm der schwulen Szene zu entsprechen. Ausführlich dokumentiert in allen sozialen Medien deiner Wahl. Ein bisschen unverständlich ist das schon, schließlich fühlt sich davon, dass Menschen Bilder von dicken Männern, Elefanten oder Harry Potters aufgeblasener, fliegender Tante posten und darunter schreiben, "Ich nach der Heimquarantäne" wirklich niemand besser. 

Der Postende schreibt eigentlich: "Ich habe Angst davor dick zu sein. Angst, deswegen nicht mehr geliebt zu werden. Kann mir nicht vorstellen, mit so einem Körper begehrt zu werden oder guten Sex zu haben." Und hat wahrscheinlich deswegen ein eher angestrengtes Verhältnis zu Essen jeder Art. Und findet, Dicke sind generell total lustig, weil absurd, oder? Derjenige mit einem höheren BMI, der das sieht, bekommt von ihm gesagt: "Du hast einen Körper, der generell zum Brüllen ist und vor dem ich Angst hätte, müsste ich ihn selber haben.

"Nur sportliche Männer, bitte" 

Wer sein Fat-Shaming direkter mag, ist bei Grindr. Planetromeo, Hornet und jeder anderen Datingplattform für Männer, die Sex mit Männern haben, gut aufgehoben. "Keine Fetten", oder höflicher "Nur sportliche Männer, bitte" in sein Profil zu schreiben, um potentielle Partner für Geschlechtsverkehr anzusprechen, gilt auch bei Menschen als völlig okay., die mit "keine Asiaten" oder "keine Türken" ein echtes Problem hätten. Dabei ist es genauso bescheuert und genauso ausgrenzend. 

Dickeren Männern auch in der freien Wildbahn ungefragt Tipps zu Bewegung oder Ernährung zu geben oder zu kommentieren, was, wie oft oder welche Mengen Menschen, die nicht schlank sind, essen, ist der absolute Normalzustand in der schwulen Szene. Genauso wie sich stundenlang darüber zu unterhalten, wie man bestimmte Formen von Gewicht, nämlich Muskeln, aufbaut. Was dazu führt, dass schwule Männer ihre Körper zu einem Anteil falsch finden, der nur noch von heterosexuellen Frauen übertroffen wird und dreimal größer ist als der bei heterosexuellen Männern. Warum machen wir sowas miteinander?

Eine Studie, die vor einiger Zeit im Wissenschaftsjournal "Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity" veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit dieser schwulen "Antifat Bias". Unter dem Titel "Fat chance! Experiences and expectations of antifat bias in the gay male community" finden sich einige sehr unschöne Ergebnisse. 215 schwule Männer zwischen 18 Jahren und 78 Jahren wurden unter anderem gefragt, ob sie in der letzten Zeit wegen ihres Gewichts offen diskriminiert worden seien. Ein Drittel bejahte das. Obwohl 90 Prozent der Befragten nach dem üblichen Body Mass Index nicht übergewichtig waren. Die häufigsten Erfahrungen dieser Art von Diskriminierung passierten im Umgang mit potentiellen Partnern für Liebe oder Sex. Wie romantisch.

Diskriminierung wird ganz selbstverständlich erwartet 

In einer weiterführenden Studie wurde überprüft, inwieweit schwule Männer diese Diskriminierung schon erwarten oder als selbstverständlichen Teil ihrer Umwelt wahrnehmen. Dafür wurde den Studien-Teilnehmern eine Situation gezeigt, in der ein dicker Mann einen anderen Mann, der nicht dick ist, anspricht. Sie wurden gefragt welche Reaktion sie von dem "attraktiveren" Mann erwarten. Ergebnis: Ein übergroßer Anteil schwuler Männer rechnete damit, dass "der dicke Mann einfach ignoriert wird", "er unhöflich behandelt wird" oder "das der attraktive Mann und seine Freunde sich hinterher über den dicken Mann lustig machen". 

Ist das nicht nett? Nö. Und ja, man könnte jetzt sagen, dass die Teilnehmerzahl der Studien nicht zu belastbaren Ergebnissen führen kann, weil sie zu klein ist. Aber entsprechen die Ergebnisse nicht einfach auch unser aller Erfahrung? Die schwule Szene ist schließlich so körperfeindlich, dass wir Unterkategorien wie "Bär" oder "Otter" brauchen, um Körper zu beschreiben, die nicht schlank, haarlos und/oder jung sind. Und damit Männer mit diesen Körpern Orte haben, egal ob im wahren Leben oder virtuell, an denen sie vor Diskriminierung aufgrund ihrer Körperlichkeit einigermaßen geschützt sind.

Wer was dagegen tun will, kann damit anfangen sich klarzumachen, dass schlank oder muskulös zu sein, ein Privileg ist. Besuche im Fitnessstudio, Eiweißpulver und eine bestimmte Form von Ernährung muss man sich nicht nur finanziell und zeitlich leisten können, man muss auch gesund sein und in einen bestimmten Gen-Pool haben, um einen bestimmten Körper überhaupt bekommen zu können.

Dann ist da die Frage, warum allgemein angenommen wird, Kerle mit etwas mehr Masse auf den Hüften würden sich so nicht wohl fühlen oder hässlich finden, weswegen man ihnen helfen müsste, ihre Körper zu verändern. Wer das glaubt, dem sei gesagt: Das passiert nur in deinem eigenen Kopf, nicht in dem dickerer Männer. Du überträgst einfach nur deine eigene Fettphobie auf den Körper eines anderen Menschen und benutzt den dann als Austragungsort für deine eigenen Ängste. Das kannst du einfach mal lassen. 

Sind fünf Kilo mehr oder weniger wirklich ein Problem? 

Wer wissen will, ob und wie dicke schwule Männer befriedigenden Sex haben, sollte sie einfach fragen. Es könnte sein, dass einige von uns nach den Antworten weniger ins Fitnessstudio müssen, weil sie einiges über Zärtlichkeit, Ausdauer, Kink, erogene Zonen oder Techniken lernen, die mit der üblichen "Tiefer, schneller, mehr!"-Sexualität, für das sich viele ihren Fitnessstudiokörper erst zugelegt haben, nichts zu tun haben. Dafür aber deutlich befriedigender sind als auf Ketamin 15 Kerle pro Nacht zu ficken. 

Und hört auf, mit Männern zu schlafen, die "keine Fetten" in ihrem Profil stehen haben! Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das miese Liebhaber sind, deren Vorstellungskraft zum Thema Sexualität nicht ausreicht, um sich Sex mit jemandem auch nur vorzustellen, der anders gebaut ist als sie selbst. Was kein besonders ermutigendes Zeichen für phantasievollen, geilen Sex ist. 

Die Angst vor körperlichen Veränderungen in der Heimquarantäne könnte mensch dadurch ersetzen, sich über sein generelles Verhältnis zu seinem eigenen Körper Gedanken zu machen. Sind fünf Kilo mehr oder weniger wirklich ein Problem? Oder zehn? Würdest du dich oder deinen festen Partner weniger lieben, wenn mehr von ihm oder dir da wäre? Wenn ja, warum ist das so? Macht das Sinn? Und, wenn nicht, können wir mit der Dickendiskriminierung bitte einfach aufhören? Danke.

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