Die Transfrau, die gegen ihre Mafia-Erziehung rebellierte - MenConnect

© DMV. Mucella

12 Jan 2020 Berichte

Share to facebook Share to twitter Share to MenConnect Share to pinterest Share to vk

Die Transfrau, die gegen ihre Mafia-Erziehung rebellierte

Die schmalen Gassen rund um den Obelisk von San Domenico sind ein beliebtes Postkartenmotiv von Neapel. Universitätsstudierende schlendern Espresso trinkend und Ricotta-Gebäck naschend die Spaccanapoli entlang, die Hauptstraße, die durch die Stadt führt. Niedrige, schmale Türen führen in sogenannte vasci - Ein-Zimmer-Wohnungen in Erdgeschossen, in denen früher arme Menschen wohnten und die heute häufig Geschäfte, Keller oder sogar Restaurants beherbergen. In einer dieser Räumlichkeiten erholt sich Daniela Lourdes Falanga gerade von ein paar hektischen Tagen.

"Ich habe die ganze Nacht HIV-Tests an alle verteilt, die einen haben wollten", sagt die 42-Jährige, umgeben von Bannern und Postern von der jährlichen Pride Parade. "In der transsexuellen Community gibt es immer noch ein starkes Stigma rund um HIV, deshalb meiden viele den Test." 

In dem kleinen zweistöckigen Büro befindet sich das Hauptquartier von Arcigay, der größten italienischen LGBT+-Organisation. Vor einem Jahr wurde Falanga als erste Transfrau zur Vorsitzenden einer regionalen Ortsgruppe gewählt.

Falanga bekannte sich vor zehn Jahren zur LGBT+-Bewegung, nachdem ein Sex-Skandal um einen führenden römischen Politiker in Italien eine Protestwelle gegen die Transgender-Community auslöste.

"Ich wollte die Welt wissen lassen, dass wir keine Monster sind", sagt Falanga. "Meine Transition [Anm. d. Red.: körperliche und/oder soziale Angleichung an das gefühlte Geschlecht] hat mir zum ersten Mal in meinem Leben Freiheit gegeben, also musste ich davon erzählen." 

Falanga wirkt selbstbewusst, verhaspelt sich aber, wenn sie über ihre Vergangenheit spricht. "Meine Familie hat mir nie erlaubt, zu zeigen, was ich in mir trug", sagt sie. "Ich war der verweichlichte Erstgeborene einer Camorra-Familie, und sie haben mich immer in Schach gehalten." 

Brutale Jugend 

Falangas Vater war ein lokaler Boss der Camorra, der berüchtigten kriminellen Organisation aus der Gegend um Neapel. Er verließ die Familie kurz nach Falangas Geburt. Sie wuchs mit ihrer Mutter in Armut auf. 

Als Kind - damals hieß sie noch Raffaele - musste sie sonntags am Mittagessen im Haus ihrer Großmutter teilnehmen. Ihr Vater umarmte alle Kinder - nur sie nicht. Seine Gleichgültigkeit ihr gegenüber verletzte sie. "Er hat mich wie ein Objekt behandelt." 

Falanga stand unter strenger Beobachtung ihrer Mutter und ihrer Großmutter, die alles vermeintlich Feminine versuchten zu unterbinden: keine Musik, kein Singen, keine Cartoons mit weiblichen Charakteren. "Ich hatte sogar Angst zu sprechen, weil der Klang meiner Stimme nicht ihren Erwartungen entsprach", sagt Falanga.

Während ihrer Jugend wurde ihr Vater verhaftet und verschwand. Ihre Mutter begann eine Beziehung mit einem anderen Mann, der beim Stehlen eines Autos erschossen wurde, als Falanga 13 Jahre alt war. Bis sie 22 war und die Transition zur Frau abgeschlossen war, hatte sie nur ein einziges Mal etwas von ihrem Vater gehört: Er hatte einem Familienmitglied einen Brief geschrieben und ihm jeden Kontakt mit dem von ihm verlassenen Sohn verboten.

In einem so rauen Umfeld aufzuwachsen half Falanga, sich Klarheit über ihre wahre Identität zu verschaffen. "Ich verdanke meine ganze Sensibilität dafür, wie es ist, ein Mädchen zu sein, auch der Brutalität, mit der diese Welt mich geprägt hat", sagt sie. 

Die Stadt der Femminielli 

Für eine Transfrau wie Falanga ist Neapel ein besonderer Ort: Aktivisten zufolge lebt hier die zweitgrößte Transgender-Community der Welt. "Mythische Figuren oder soziale Gruppen, die die Verbindung zwischen dem biologischen Geschlecht und einer bestimmten Geschlechtsidentität aufbrechen und männliche und weibliche Eigenschaften vermischen, findet man in vielen Kulturen", erklärt Professor Paolo Valerio, Vorsitzender der italienischen Beobachtungsstelle für Geschlechteridentität. "Aber in Neapel findet man eine ganz bestimmte Art der Subjektivität, genannt 'Femminielli' - Männer, die sich als Frau empfinden und sich auch so kleiden." 

Die Existenz von Femminielli in Neapel lässt sich bis 1586 zurückverfolgen, als der Philosoph und Alchemist Giavanni Battista della Porta eine "weiblich wirkende Gestalt mit einem lichten Bart" beschrieb, die sich von Männern fernhielt und freiwillig Aufgaben in der Küche wahrnahm. 

"Die Femminielli genießen - wenn auch häufig durch Prostitution - in der Nachbarschaft Anerkennung, weil sie sich am 'fairen' Straßenhandel beteiligen", sagt Valerio. In der Popkultur galten die Femminielli als Glücksbringer und wurden oft damit beauftragt, bei Tombolas Lose zu ziehen.

Weil die Femminielli schon so lange in Neapel verwurzelt ist, gilt die Stadt als offen und tolerant. Als 2009 eine transsexuelle Frau aufgrund ihrer Verbindungen zu einer kriminellen Familie verhaftet wurde, behaupteten einige Kommentatoren, möglicherweise sei die lokale Mafia toleranter als so manche anderen Menschen.

Das stimme so nicht, sagt Falanga. "Camorra-Mitglieder haben zwar eine Schwäche für transsexuelle Frauen, pflegen zum Teil sogar wichtige Beziehungen mit ihnen. Problematisch wird es, wenn das eigene Kind eine ist." 

25 Jahre nachdem Falanga ihren Vater das letzte Mal gesehen hatte, traf sie ihn zufällig an einer örtlichen Schule. Beide waren dorthin eingeladen worden, um den Schülerinnen und Schülern ihre Geschichte zu erzählen. Zu diesem Zeitpunkt saß ihr Vater eine lebenslange Haftstrafe ab. 

"Du bist wunderschön geworden", sagte er zu Falanga. "Wir haben beide während der gesamten Veranstaltung geweint", sagt sie. 

Die Familie spielt eine Schlüsselrolle 

Falanga ist skeptisch, inwieweit die Neapolitaner Transgender-Menschen wirklich respektieren - trotz der Femminielli. "Bisher hat Neapel ein soziales Phänomen akzeptiert, das Marginalisierung und Prostitution umfasst. Das bedeutet, dass transsexuelle Frauen mit Sexarbeiterinnen assoziiert werden", sagt sie. 

Diese Grenze zu echter Akzeptanz habe frühere Generationen dazu gezwungen, als Außenseiter zu leben. "Wenn dein Körper nicht einer binären Geschlechtsrepräsentation entsprach, wurdest du vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen", so Falanga.

Deshalb habe sie begonnen, mit lokalen Unternehmen zusammenzuarbeiten, etwa dem städtischen öffentlichen Verkehrsunternehmen ANM und dem Mediterranen Theater, um für eine Kultur der Chancengleichheit zu werben.

Wenn es aber darum gehe, Transgender-Teenagern ein gesundes und erfülltes Leben zu ermöglichen, spiele die Familie eine Schlüsselrolle. Falanga trifft sich häufig mit Müttern und Vätern von Transgender-Kindern. Im Vergleich zu ihren eigenen Eltern sei die neue Generation stärker sensibilisiert für das Leid, das mit einer Geschlechtsidentitätsstörung einhergehen kann, sagt Falanga. Das mache ihr Hoffnung für die Zukunft. 

"Wenn man mit einer guten Beziehung zu seinen Angehörigen aufwächst, kann man sich selbstbestimmt eine Existenz aufbauen", sagt sie. "Wenn nicht, bleibt es kompliziert, in Neapel zu leben."


Werde Teil der Community von MenConnect!

Already connected with men´s? MenConnect, das Social Network für dich - dein must have! Werde ein Teil unserer Community und finde neue Freunde - Männer & Jungs!

Erforschen

Wie findest du diesen Beitrag?


Aufrufe: 308
© dw.com