"Trans ist der Weg und jetzt bin ich ein Mann" - MenConnect

© Sebastian Knot

27 Jul 2020 Berichte

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"Trans ist der Weg und jetzt bin ich ein Mann"

Als aus Yvonne nach unzähligen Behandlungen, Hormonspritzen und OPs endlich Benjamin Melzer wird, ändert sich sein Leben. Er ist befreit - und wird noch dazu Model für ein großes Männermagazin. Wie er diesen Weg erlebte und welche Herausforderungen er meisterte, erzählt er im Interview.

Sie wurden als Mädchen, als Yvonne, geboren, sind heute ein Mann und heißen Benjamin. Bis dahin war es ein langer Weg. Wie früh haben Sie gemerkt, dass Sie sich im falschen Körper fühlten?

Benjamin Melzer: Das hat sich schon ganz früh abgezeichnet und zwar mit drei, vier Jahren im Kindergarten. Ich habe mir damals schon Jungen-Namen gegeben. 

Sie haben das alles schon früh bemerkt, sind dann aber zunächst in die weibliche Pubertät gekommen. Wie fühlte sich das für Sie an?

Das war wirklich schwierig, ich war im Körper einer Frau, aber fühlte mich nicht so. Ich war ein Meister im Verdrängen und habe das auch nie nach außen getragen, doch innerlich war ich natürlich aufgewühlt.

Wie zeigte sich das?

Damals waren die leichtesten Dinge auf der Welt unfassbar schwierig für mich. Zum Beispiel in der großen Pause zur Toilette zu gehen. Nicht jeder kannte mich in der Schule; ich sah aus wie ein Junge. Aber auf der Mädchentoilette, wo ich hingehen musste, habe ich blöde Sprüche oder Blicke bekommen. Über sowas habe ich mir zum Beispiel Gedanken machen müssen. Oder wenn ich meine EC-Karte zeigen musste, auf der ein Mädchenname stand, habe ich unangenehme und demütigende Situationen erlebt.

Wann war Ihnen klar, dass Sie transgender sind? 

Mit 18 Jahren habe ich das erste Mal einen Fernsehbericht über der Sohn von Cher gesehen, der das gleiche Schicksal teilt - und in dem Beitrag wurde das Thema Transgender erklärt. Damals gab es noch nicht so einen großen Zugang zum Internet wie heute und ich dachte vorher, ich sei mit meinem Schicksal alleine auf der Welt. 

Und wie ging es dann weiter?

Ich habe nach OP-Bildern recherchiert und fand ziemlich krasse Fotos. Das hat mich dann erstmal ein bisschen abgeschreckt und ich hatte Angst davor, diesen Weg zu gehen. Es hat dann nochmal fünf Jahre gedauert, bis sich das änderte. Mit 23 ging es einfach nicht mehr, ich war verletzt und konnte keinen Sport mehr treiben. Vorher was das mein Ventil. Nach einem erneuten TV-Bericht wollte ich dann die Angleichung. Ich dachte: "Egal, was kommt, ich kann nicht mehr, ich mache das." Dann sprach ich mit meiner Mutter und meine Eltern haben mich beide unterstützt, die weiteren Schritte zu gehen.

Wie lange hat der Prozess gedauert?

Ich war zunächst einige Zeit in psychologischer Behandlung. Nach sechs bis acht Monaten habe ich dann beim Urologen einen transsexuellen Lebenslauf abgegeben und einige Monate später auch meine erste Hormonspritze bekommen. Ich habe alle wichtigen Anträge schnellstmöglich eingereicht - aber das dauerte alles relativ lange.

Ich bin währenddessen dann sozusagen in die zweite Pubertät gekommen, dieses Mal als Junge. Meine erste OP hatte ich nach etwa einem Jahr, und vom Start bis zum Schluss waren es etwa drei Jahre. Man muss eben auch bestimmte Heilungsprozesse abwarten und es geht nicht immer alles glatt, sodass es dabei auch Verzögerungen gibt.

Was war in dieser Zeit das Schlimmste, was Sie erlebt haben?

Wenn ich heute zurückblicke, kann ich sagen, dass 2019 mein allerschlimmstes Jahr war, denn Mitte 2018 ist meine Erektionsprothese kaputtgegangen. Normalerweise ist das ein kleiner Eingriff. Die tauschen einfach ein Teil aus. Beim Auto würde ich sagen, man geht zum Tüv, bekommt eine neue Plakette und geht nach Hause. Aber dieses Mal war das nicht so. Ich hatte mir einen Keim eingefangen und das alles hat mich dann eineinhalb Jahre lang begleitet. Das waren wirklich die schlimmsten Schmerzen meines Lebens im Vergleich zu meiner eigentlichen Angleichung. Da war das ewige Warten schlimm. Warten, warten, warten, operiert werden und wieder warten.

Was war für Sie im Gegensatz dazu denn die schönste Veränderung, die Sie nach der körperlichen Transformation erlebt haben?

Das schönste Erlebnis war die innere Ruhe, die ich danach gefunden habe. Endlich ich sein und nicht diesen ständigen Kampf kämpfen zu müssen. Ich war befreit, gelöst und es gab keine Zerrissenheit mehr. 

Sie hatten während Ihrer Anpassung auch eine Partnerin. Wie hat die Veränderung in Ihrem Liebesleben funktioniert? 

Das war für mich so, als wäre es nie anders gewesen. Im Prinzip war ich so endlich vollständig und hatte keine Probleme. Meine Partnerin von damals ist den ganzen Weg mit mir gegangen und hatte da auch viel Verständnis. Sie war sehr emphatisch. Auch sie war deutlich freier nach der Angleichung.

Nach Ihrer großen Veränderung haben Sie Fotos für "Men's Health" gemacht und gemodelt. Was hat das für Sie bedeutet?

Das war sowas wie der Schluss meiner Reise. Denn das war für mich so die ultimative Männlichkeit, ich habe solchen Covermodels immer nachgeeifert. Dass es so gekommen ist, damit hatte ich natürlich nicht gerechnet und für mich hatte das auch etwas mit Akzeptanz zu tun. Ich habe tatsächlich durchweg positive Reaktionen erhalten. Ich sehe mich aber selbst als einen ganz normalen Typen, der nun mal trans ist. Ich betitele mich selbst nicht als Transmann - denn trans ist der Weg und jetzt bin ich ein Mann.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie damit auch Vorbild für andere Menschen sind, die Ihre Geschichte teilen?

Ich mache Dinge nicht, weil andere das jetzt erwarten, sondern ich setze mich für etwas ein, wenn ich das für richtig halte. Ich versuche damit umzugehen und etwas Positives zu bewirken. Das ist meine Einstellung und ich versuche, das Beste daraus zu machen.

Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Gesellschaft tun, damit Transgender noch mehr akzeptiert wird?

Was Man muss immer wieder darüber sprechen. Ich bin selbst müde, meine eigene Geschichte zu erzählen, aber natürlich weiß ich: Wenn ich nicht drüber spreche, dann wird sich auch nichts ändern.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mein Ziel wäre natürlich eine große Kampagne und ein Shooting für ein bekanntes Unternehmen. Ich hoffe auf den Tag, dass so eine Firma mal ein Statement setzen möchte. Ich finde es eben auch wichtig, dass man eben auch eine Message hat.

"Endlich Ben" erscheint im Verlag Eden Books.

(Foto: Eden Books)

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