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© Maria von Usslar

28 Nov 2019 Berichte

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Er, sie, they, hen: Wie wollen Trans- und Interpersonen bezeichnet werden?

Als die Musikerin Mavi Phoenix den Beitrag auf Instagram teilt, weiß sie, dass ihr Leben von nun an ganz anders verlaufen könnte. "Es fühlt sich komisch an, das hier zu posten. Ich habe Angst, und ich fühle mich noch nicht bereit, aber gleichzeitig will ich keine weitere Minute damit mehr verschwenden, nicht ich selbst sein zu können ...", schreibt sie Mitte Juli.

In Mavi Phoenix' Pass steht, dass sie Marlene Nader heißt, 1995 in Linz geboren wurde und weiblich ist. Letzteres stellt Mavi jetzt allerdings selbst infrage. Das ihr bei der Geburt zugewiesene Geschlecht stimmt für Mavi nicht. Seit ihrer Kindheit leidet Mavi an einer sogenannten Geschlechtsidentitätsstörung.

Mavi stellt nicht klar, welches Geschlecht sie leben will, nur dass sie eben keine Cis-Frau ist (dieser und weitere Begriffe werden unten erklärt). Was Mavi als eine Reise zum Ich beschreibt, ist die Suche nach einer Geschlechtsidentität. Solange diese Reise nicht beendet ist, dürfe man für sie jedes Personalpronomen benutzen. Und davon gibt es mehr als zwei.

Wenige wissen, dass Sprache auch bei Einzelpersonen genderneutral sein kann. Dafür gibt es mehrere Kniffe, die nicht alle gleich gut für jede Person funktionieren. "Er*sie", "they" und "hen" sind die gängigeren.

Es gibt mehr als zwei Personalpronomen? 

Besonders im persönlichen Kontakt oder bei Rückbezügen wollen wir uns allerdings meistens für ein Pronomen entscheiden und rutschen zurück in eine binäre Einteilung in "er" und "sie". Wo ist das nächste Konzert von Mavi? "Die" spielt am 18. November in der Arena in Wien. Sehr geehrte Frau Phoenix ... 

"Was wünschen die Damen?" – wenn wir Menschen, die wir nicht kennen, ansprechen oder über sie reden, urteilen wir bei der Wahl von Pronomen und Anrede oft nach dem Aussehen, wir "lesen" das Geschlecht. Dabei können wir uns auch verlesen. Besonders für Transmenschen kann das eine schmerzliche Erfahrung sein.

In queerfeministischen Kreisen hat sich daher bei Vorstellungsrunden etabliert, das Pronomen mitanzugeben, auch Mail-Signaturen oder Twitter-Handles enthalten inzwischen manchmal das gewählte Pronomen. Wenn sich Tinou vorstellt, sagt Tinou auch, dass die Anwesenden über Tinou mit Tinous Namen sprechen sollen, wenn über Tinou in der dritten Person gesprochen wird. Tinou ist nämlich intergeschlechtlich, also weder ein Er noch eine Sie. Sollte ein Rückbezug (Anapher) nötig sein, ist Tinou auch mit "dier" einverstanden: Tinou, dier Inter-Aktivist*in ist.

Wortneuschöpfungen für genderneutrale Pronomen

Dass dabei ziemlich oft Tinous Name genannt werden muss, ist Tinou dennoch lieber als komplizierte Neologismen wie etwa das schwedische "hen" oder das davon abgeleitete "en", das 2018 beim österreichischen LGBTIQA+-Kongress erarbeitet wurde, aber noch nicht gängig ist. " Im Gegensatz zu Tinou leben allerdings viele Interpersonen als Frauen und Männer und wollen auch so angesprochen werden.

Das Conchita-Wurst-Phänomen

Wenn Menschen mit der Geschlechterdiversität überfordert sind, wird nicht selten Conchita Wurst als Beispiel herangezogen, um der eigenen Verwirrung einen Namen zu geben. "Der, die, das Wurst" hieß es auch neulich im STANDARD. Was vielen unklar ist: Der Sänger Tom Neuwirth ist ein homosexueller Cis-Mann, der seiner künstlerischen Persona Lippenstift, Perücke und High Heels verpasst. Man nennt das Drag oder Gender-Bender. 

Mit dem Fokus auf "Wurst" in Conchita Wurst, den Neuwirth seit einem Jahr darauf legt, wird auch deutlich, dass seine Persona inzwischen ein männliches Pronomen verlangt. Neuwirth selbst ist es leid, dass Trans- und Interpersonen seinetwegen in Erklärungsnot geraten. Denn während er als Conchita oder Wurst die Freiheit hat, sein Geschlecht zu wählen und sogar zu überzeichnen, sind andere Queer-Identitäten auch im Alltag mit einer Geschlechterordnung konfrontiert, in die sie nicht hineinpassen.

Dennoch eignet sich die Figur Conchita, um ein Prinzip des geschlechtergerechten Umgangs zu klären. Das ersetzt allerdings nicht das Nachfragen.

Achte auf den von der Person gewählten Namen. Ist dieser weiblich konnotiert wie Conchita, will die Person vermutlich nicht als Mann, sondern als Frau oder nichtbinär gelesen werden. Viele Trans- oder Interpersonen wählen allerdings einen neutralen Namen wie etwa Alex Jürgen. Alex hat übrigens erreicht, dass der Verfassungsgerichtshof vor einem Jahr entschieden hat, dass amtliche Dokumente einen dritten Geschlechtseintrag akzeptieren müssen. In der Geburtsurkunde kann nun etwa "divers" oder "offen" angegeben werden. 

Mehr Intergeschlechtliche als Menschen mit Doktortitel 

Bis zu 1,7 Prozent der Weltbevölkerung sind schätzungsweise intergeschlechtlich, und in Österreich werden vermutlich jährlich 50 intergeschlechtliche Babys geboren. Der Vergleich mit der Anzahl an Doktortiteln zeigt, dass selbst eine kleine Gruppe Menschen eine eigene Anredeform erwirken kann. In Österreich trägt nämlich gerade einmal ein Prozent diesen Titel (OECD, 2015). 


Begriffserklärung:

Cis (lat.: diesseits, innerhalb – der norm. Personen) Cis-Menschen sind Personen, denen bei der Geburt ein Geschlecht zugewiesen wurde, mit dem sie sich identifizieren können. 

Soziales Geschlecht, auch Gender Antonym zum englischen "sex" bzw. zum "biologischen" Geschlecht. Gender rückt den soziologischen Aspekt von Geschlecht in den Vordergrund. Doing Gender wird zum Beispiel der Faktor genannt, den das Erfüllen von Rollenbildern zur Geschlechtsidentität beiträgt. 

Geschlechtsidentitätsstörung oder Geschlechtsdysphorie Wenn eine Person stark unter dem ihr zugewiesenen Geschlecht leidet, kann das die medizinische Diagnose sein. Im Gegensatz zum Krankheitenkatalog ICD-10 soll eine für das Jahr 2022 überarbeitete Fassung Abstand von dem Begriff Verhaltensstörung nehmen. Mit dem Begriff "Geschlechtsinkongruenz" soll dann nur darauf hingewiesen werden, dass die Person nicht mit dem zugewiesenen Geschlecht einverstanden ist. Die Überarbeitung ist ein Sieg für die Trans*Community, die lange dafür gekämpft hat, dass Transidentitäten entpathologisiert werden. 

Trans (lat.: jenseits, auf der anderen Seite – der Norm) Personen, die nicht mit dem Geschlecht auf die Welt kommen, mit dem sie sich identifizieren können. Transmänner leben im selbstgewählten männlichen Geschlecht bei vormals zugewiesenem weiblichem Geschlecht, und Transfrauen leben als Frauen. Mit der sexuellen Orientierung hat die Identität übrigens nichts zu tun, weshalb der Begriff transsexuell wegen seiner Missverständlichkeit abgelehnt wird. 

Das Bedürfnis, sich an das gefühlte Geschlecht auch medizinisch anzupassen, ist verschieden stark ausgeprägt. Mit Hormontherapie und geschlechtsangleichenden Operationen können sekundäre und primäre Geschlechtsorgane so angepasst werden, dass alle sexuellen Funktionen möglich sind. Medizinische Grenzen gibt es nur beim Kinderzeugen und -gebären. 

Inter Personen, bei denen keine eindeutige Geschlechtsbestimmung nach binären Vorstellungen vorgenommen werden kann, weil männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale vorkommen. Zu den Geschlechtsmerkmalen gehören die Genitalien, die Gonaden (Hoden und Eierstöcke), die Chromosomen und die Hormone, aber auch sekundäre Geschlechtsmerkmale wie Brustwachstum oder Bartwuchs. Nicht alle Merkmale sind bereits bei der Geburt entwickelt, weshalb Intergeschlechtlichkeit auch erst bei der Pubertät oder bei Unfruchtbarkeit entdeckt werden kann. 

Eine weitere Folge ist, dass Intermenschen häufig einen falschen Eintrag in die Geburtsurkunde bekommen, weil sie sich zum Zeitpunkt des Eintrags weder selbst äußern können noch ihre körperliche Entwicklung absehbar ist. Eine problematische Folge dieser binären Einteilung ist vor allem die operative und hormonelle "Geschlechtszuweisung", die ohne Zustimmung der betroffenen Person einer Genitalverstümmelung gleichkommt. Sie wird deshalb Intersex Genital Mutilation (IGM) genannt und umfasst teilweise schwerwiegende, irreversible, gesundheitlich nicht notwendige Eingriffe – die gleichen Eingriffe werden allerdings Transmenschen lange verwehrt, obwohl sie diese wollen. 

Nichtbinär Alle Menschen, die nicht den klassischen, medizinisch normierten Vorstellungen von Mann und Frau entsprechen, weil sie unter anderem mit einer Variation in den Geschlechtsmerkmalen auf die Welt gekommen sind, aber auch Menschen, die sich aus anderen Gründen nicht in einem binären Schema verorten können. Sie sehen Gender als Spektrum und wünschen sich eine Gesellschaft, die nicht zwanghaft alles in männlich und weiblich einteilt. 

Genderneutrale Sprache Feministinnen und Feministen hatten schon immer ein Problem mit dem generischen Maskulinum, das aus Einfachheit Frauen den männlichen Bezeichnungen unterordnet (Frauen sind mitgemeint). Eine besondere Lösung in der schriftlichen Kommunikation sind der Schrägstrich oder das Binnen-I. Für Personen, die sich weder als Frau noch als Mann sehen (können), reicht das nicht aus, sie wären genauso sprachlich unsichtbar wie vormals die Frauen. 

Identität vs. gelesenes Geschlecht Ob wir eine Person als Mann oder Frau ansprechen, machen wir häufig an Äußerlichkeiten fest: Wir "lesen", wie sich die Person kleidet oder welche sekundären Geschlechtsmerkmale (Bartwuchs, Brüste) hervorstechen. Eine weiblich gelesene Person ist unter Umständen in einer Frauentoilette willkommener, wenn sie einen Penis hat, als eine weibliche Identität mit männlicher Erscheinung. Der englische Ausdruck "Passing" beschreibt, wie die Gesellschaft Queeridentitäten liest. 

They Im Englischen hat sich die dritte Person Plural "they, their, them" als genderneutrales Pronomen durchgesetzt und wird teilweise auch im Deutschen übernommen. Kritisiert wird, dass dabei nicht mehr markiert wird, ob es sich um eine oder mehrere Personen handelt. Allerdings: Während es im Deutschen auch einen Unterschied zwischen "du" und "ihr" gibt, verändert sich "you" in der Mehrzahl auch nicht. 

Hen Die schwedische Mischform aus "er" und "sie" wird in Schweden tatsächlich bereits in manchen öffentlichen Institutionen und Zeitungen verwendet (der STANDARD hat es 2016 porträtiert). Auch in Österreich entlehnen einige aus der Queer-Community dieses neutrale Pronomen ins Deutsche. 

En Von Teilnehmenden des österreichischen LGBTIQA+-Kongresses 2018 in St. Pölten entwickelt. Eine Kombination aus "er", "es" und dem schwedischen "hen". Die Idee war, ein allgemeines neutrales Pronomen einzuführen, das immer verwendet werden kann, wenn das Geschlecht unbekannt beziehungsweise irrelevant ist, so wie das schwedische "hen" oder das englische "they" – "en" ist aber keinesfalls dazu gedacht, andere Pronomen zu ersetzen! 

Link: 

https://www.menconnect.at/magazin/artikel/item/322







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