Der harte Weg chinesischer Transgender zu ihrem „Ich“ - MenConnect

© HECTOR RETAMAL / AFP

18 Oct 2019 Berichte

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Der harte Weg chinesischer Transgender zu ihrem „Ich“

Mit 16 versuchte Alice sich mit einem Skalpell selbst den Penis abzuschneiden. Gesehen hatte sie das in einem Online-Tutorial. Nach dem ersten schmerzhaften Schnitt hörte sie auf, anstatt ins Krankenhaus zu gehen, hielt sie den Eingriff geheim: „Ich war verzweifelt und verängstigt“, sagt die heute 23-Jährige, die aus einer ländlichen Region im Osten Chinas kommt, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. „Ich hatte das Bauchgefühl, dass ich es hinter mich bringen müsste.“

Offizielle Zahlen über Transgender gibt es nicht

In dem Land mit über 1,386 Milliarden-Einwohnern gibt es keine offiziellen Zahlen über Trans-Personen. Und: Nur wenige medizinische Einrichtungen bieten überhaupt geschlechtsangleichende Operationen oder gar professionelle Beratung über entsprechende Hormonbehandlungen an. Und so sehen sich viele Betroffene gezwungen, auf dem Schwarzmarkt oder im Internet nach einem Ausweg zu suchen.

So auch Jiatu. Er litt jahrelang in seinem weiblichen Körper.

Vor drei Jahren begann er sich Testosteron zu spritzen, das er illegal aus Thailand geliefert bekam. „Es gibt keinen anderen Weg, das zu beschaffen“, erklärt er. Durch andere Transgender-Männer in Online-Foren habe er davon erfahren.

Laut der Menschenrechtsorganisation informieren sich Transgender hauptsächlich im chinesischen Internet und bei Freunden – Ärzte des öffentlichen Gesundheitswesens sind kaum eine Hilfe.

Familie muss zustimmen

Ohne Zustimmung der Familien dürfen in China keine operativen Geschlechtsangleichungen vorgenommen werden.

Aus Angst, verstoßen zu werden, trauen sich viele erst gar nicht, mit ihren Angehörigen über das Thema zu sprechen. „Es war eine große Sorge, hat mich von innen aufgefressen“, sagt Alice, die heute im Trans-Chor in der Stadt Chengdu gemeinsam mit Gleichgesinnten singt.

Laut Amnesty International kämpfen chinesische Transgender mit Diskriminierung, eingeschränktem Zugang zu Behandlungen und einem Mangel an Information. Die viel zu hohen Kosten treiben viele Transgender zu riskanten Behandlungen oder gefährlichen Selbstverstümmelungen.

„Diskriminierende Politik und Gesetze haben vielen Menschen das Gefühl gegeben, dass sie keine andere Wahl haben, als mit extrem gefährlichen Selbstoperationen ihr Leben zu riskieren und unsichere Hormonpräparate auf dem Schwarzmarkt zu beschaffen“, erklärt die China-Expertin von Amnesty International, Doriane Lau.

„Für die nächste Generation wird es besser ...“

Im März akzeptierte China die Empfehlungen des Uno-Menschenrechtsrates, Diskriminierung von Homosexuellen und Transgendern zu verbieten. Doch auch wenn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Mai zwar offiziell „Geschlechtsidentitätsstörung“ als Diagnose aus ihrem weltweiten Handbuch entfernte, gelten Transgender in China weiterhin als „psychisch krank“.

„Die Existenz der Transgender-Community wird von der chinesischen Gesellschaft verleugnet. Der Ausdruck Transgender kommt in keinem Gesetz und keiner Verordnung vor“, beklagt die LGBTQ-Aktivistin Li Minghui. „Sex ist in China ein Tabuthema, von Genderpluralismus und Transgender einmal abgesehen, denn sie stellen das traditionelle Konzept des binären Geschlechts infrage“, erklärt Xin Ying vom Beijing LGBT Center.

Dass die Regierung ihre Politik bezüglich Homosexuellen und Transgender nur langsam ändert, dafür macht Alice auch die konservative Haltung der chinesischen Gesellschaft verantwortlich: „Was die Regierung tun kann, wird beschränkt durch die aktuellen Ansichten der Gesellschaft. Wir müssen warten, für die nächste Generation wird es besser“, hofft sie.

2018 ließ sich Alice ihre männlichen Genitalien operativ entfernen. Um nicht die Einwilligung der Familie vorweisen zu müssen, ging sie dafür nach Thailand. Die Kosten übernahm ihre Freundin: Umgerechnet 11 400 Euro! „Es fühlt sich natürlicher an“, sagt sie. „Mir geht es viel besser im Kopf.“ 

Laut einer Umfrage könnten knapp 90 Prozent der befragten chinesischen Familien es nicht vollständig akzeptieren, wenn ihre Kinder Transgender wären. 20 Prozent der Transgender, die eine geschlechtsangleichende Operation durchgemacht haben, fühlten sich auch weiterhin Diskriminierungen ausgesetzt.


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