„Wie? Du stehst nicht auf Männer?“ - MenConnect

© Marty ein MenConnect Member

14 Oct 2019 Coming-Out

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„Wie? Du stehst nicht auf Männer?“

14.10 Veröffentlichung


Teil 3/3

Wie wurde mir eigentlich bewusst, dass das, was in mir vorging, als Transsexualität bezeichnet wird? Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht mehr so genau. Ich weiß nur noch, dass ich überrascht war, dass das auch „anders rum“ funktioniert. Also nicht nur von Mann zu Frau, sondern auch umgekehrt. Von solchen Leuten hatte ich zuvor noch nie gehört. Aber es war wie ein Befreiungsschlag. Das geht also offenbar wirklich! Es ist möglich, sich als Mann zu fühlen, auch wenn der Blick ins Schlüppa was anderes sagt. Für jemanden, der damit aufgewachsen ist, dass nur das geht, was man kennt, war das eine unglaubliche Erkenntnis. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich von da an auf einmal auch andere Dinge in Frage stellte, die vorher selbstverständlich waren, mich aber störten. Zum Beispiel, warum mein Bruder bei Feierlichkeiten normal rumlaufen durfte, man mich aber prinzipiell in feine Kleider mit Rüschen stopfte.

Und es hatte keine Woche gedauert, da hatte ich einen Jungs-Haarschnitt.

Aber warum habe ich daraus ein offizielles Coming Out gemacht, wo ich doch der Ansicht bin, dass so etwas selbstverständlich zu sein hat?  

Weil es, im Gegensatz zum schwul sein, etwas ist, das das eigene Leben und ein bisschen auch das Leben seiner Angehörigen verändert. Es wird Zeit und Geld in Therapien und Gutachten gesteckt, man bekommt Hormone, die das Aussehen verändern, der Name ändert sich. Das sind einschneidende Dinge, über die Angehörige durchaus Bescheid wissen sollten, wenn sie „da mitspielen“ sollen. Andernfalls sähen sie auch gar keinen Anlass dazu, einen von nun an Thomas zu nennen und nicht mehr Emma.

Nachdem ich also schließlich bei den wichtigsten Leuten geoutet war und mich des Lebens freute, kam die Ernüchterung. Es wäre ja auch langweilig gewesen, einfach sein Leben leben zu dürfen.  

„Du wirst niemals ein richtiger Mann sein“, bekam ich oft zu hören. Sogar in der Talkshow „Britt“ in der ich als Talkgast aufgetreten war, um auf diese Weise Gleichgesinnte zu finden, knallte man mir diesen Satz vor den Kopf. Damals habe ich leider, leider, leider einfach das zitiert, was ich irgendwo im Internet gelesen hatte, heute würde ich die blöde Kuh fragen, was ihrer Meinung nach denn einen Mann ausmacht. Ob jeder Kerl, der bei einem schlimmen Unfall sein bestes Stück verlor, automatisch eine Frau für sie ist.

Und diese Anfeindungen zogen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Wo ich in der Schule als Teenager „nur“ gemobbt wurde, weil ich (Zitat) sauhässlich war, sah ich mich ab Einnahme von männlichen Hormonen damit konfrontiert, von sämtlichen Klo’s dieser Welt gescheucht zu werden, seien es Männer- oder Frauen-Klo’s; auf einer mehrtägigen Klassenfahrt während meines Fachabiturs stritt man sich darüber, wer mich mit ins Zimmer nehmen müsse; und man hielt mir Vorträge darüber, dass ich Gott verärgern würde, wenn ich sein Werk nicht in Ruhe lasse (um nur mal ein paar Beispiele zu nennen).

Erschwerend kam hinzu, dass ich auf meinem Weg zu den geschlechtsangleichenden Operationen prinzipiell an Ärzte geriet, die sich mir in den Weg stellten. Mein erster Therapeut, der mir für die OP’s hätte ein Gutachten ausstellen sollen, setzte seinem Leben ein Ende, kurz bevor er das hätte ausstellen können – also 3 Jahre für die Katz; der Frauenarzt, der mir nach dem OK der Krankenkasse hätte Hormone geben müssen, weigerte sich strikt und der Operateur, der mich zwecks der Brust-OP hätte beraten sollen, wollte mir keinen Termin geben. Ich hatte zwischenzeitlich gut und gerne Lust, meinem eigenen Leben ein Ende zu setzen, weil es nicht danach aussah, als würde ich jemals ans Ziel kommen. Die gehässigen Kommentare meiner Mitmenschen machten es natürlich nicht einfacher. Man kann sich noch so anstrengen, wenn die Außenwelt einfach alles daran setzt, dass man scheitert, hat man nicht die geringste Chance, sofern man auf andere angewiesen ist.

In dieser Zeit wurde der Fernseher mein bester Freund. Er tröstete mich, er lenkte mich ab. Er machte mich zur Nachteule.

Und iiiirgendwann schien die Außenwelt mich vergessen zu haben. Der erste Schritt in die richtige Richtung gelang, ich fand einen Therapeuten, der nicht darauf bestand, die 3 Jahre Therapiezeit, die zu der Zeit noch Pflicht waren, zu wiederholen. Von da an ging alles ganz schnell. Ehe ich mich versah hatte ich tatsächlich die Zugfahrkarte in der Hand, die mich schließlich zur großen OP brachte.

Für den Namen „Marty“ entschied ich mich übrigens aufgrund meiner gleichnamigen Rolle in unseren Spielereien, in denen wir „Zurück in die Zukunft“ weitersponnen. Diese Welt, die wir uns erschufen, wurde für mich ein wahrer Rückzugsort, der mich immer öfter vom Fernseher weglockte. Hier konnte ich ganz Junge sein, hier merkte ich überhaupt erst, wie wohl ich mich in der Rolle eines Jungen fühlte. Und auch wenn „Marty“ nicht der einzige Charakter war, den ich spielte, stand dieser Name doch stellvertretend für die ganze Welt.  


Weitere Artikel:

„Wie? Du stehst nicht auf Männer?“ Teil 1

„Wie? Du stehst nicht auf Männer?“ Teil 2




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