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18 Jul 2019 Geschichten

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Verlorene Zeit

Ich sitze im Zug und bin auf dem Weg in meine alte Heimat. 4 Jahre ist es nun her, dass ich meine Eltern zum letzten Mal sah. 4 Jahre ist es her, dass ich die Elterliche Wohnung im Streit mit meinem Vater verlies.

Meine Gefühle sind sehr gemischt, einer seits freue ich mich meine Eltern, vor allem meine Mutter wieder zu sehen und anderer seits empfinde ich sowas wie Angst vor dem, was mich erwartet. Wie werden sie reagieren? Wie sehen sie aus? Werden sie mich wiedererkennen und vor allem werde ich sie wiedererkennen? Meine Gedanken überholen sich.

Vor 4 Jahren, als ich gerade 15 Jahre alt war, war es eine sehr turbulente Zeit für mich. Dass ich mit Mädchen nichts anzufangen wusste, war mir schon längst klar geworden und so kam es vor, dass ich mich immer wieder mit Jungs traf, die ich in einschlägigen Foren kennen-lernte. Wir verabredeten uns oft an den unmöglichsten Plätzen nur, um Sex zu haben. Bis ich Tobias kennen-lernte. Mit ihm war es von Anfang an anders. Mit ihm traf ich mich öfter und so kam es, wie es kommen musste, wir verliebten uns in einander. Nach einigen Wochen, in denen wir uns immer wieder getroffen haben und auch immer wieder Sex hatten, lud ich Tobi zu mir nach Hause ein. Ich wusste ja, dass meine Eltern das ganze Wochenende auf Wellness sind. Kaum waren meine Eltern weg stand auch schon Tobi vor der Tür. Die Tür war gerade mal zu, als wir schon wie wild anfingen uns die Kleider vom Leib zu reißen. Wir schafften es gerade noch unter die Dusche, wo auch schon unser Liebesspiel begann.

Es dauerte keine 2 Minuten, als plötzlich die Tür zum Badezimmer auf ging und mein Vater vor uns stand. Meine Mutter hatte ihren Bademantel vergessen, der prompt innen an der Badezimmertür hing. Als sich mein Vater von seinem ersten Schreck erholte, fing er an mich wüst zu beschimpfen. Ich habe meinen Vater noch nie so wütend und enttäuscht, wie gerade in diesem Augenblick erlebt. Tobias Fluchtinstinkt setzte ein und so sprang er aus der Dusche direkt in das Vorzimmer, von wo aus er verschwand. Ich habe ihn nie wieder gesehen und auch auf meine Anrufe hat er nicht mehr reagiert.

Nun stand ich da, ein 15 Jähriger pubertierender klatsch nass und völlig wehrlos, meinen Vater ausgeliefert und das erste Mal in meinem Leben schlug er mich. Seine Hand traf mich so heftig gegen meine Wange, dass ich mit dem Kopf gegen die Fliesen knallte und bewusstlos zu Boden ging. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Krankenbett mit einer Platzwunde am Kopf, die genäht werden musste und einem mega Brummschädel. Später erfuhr ich, dass scheinbar einer der Nachbarn den Tobsuchtsanfall meines Vaters mitbekommen hatte und die Polizei rief, nachdem er sich selbst von den Polizisten nicht beruhigen lies, haben sie ihn mitgenommen und sofort das Jugendamt verständigt. Später kam dann eine Frau vom Jugendamt zu mir, welche von einem Polizisten begleitet wurde. Ich musste eine Aussage machen, was denn passiert sei. Als der Polizist ging, teilte mir die Frau vom Jugendamt mit, dass das zwar mein Vater und meine Mutter zu Hause sind aber sie mich nach dem, was vorgefallen ist in einer Jugendwohngruppe unterbringen müssen, weil sie bedenken um meine Sicherheit hatten. Also kam ich in diese Wohngemeinschaft in einer anderen Stadt, wo sich auch noch andere Jugendliche aufhielten, die wohl alle mehr oder weniger ein ähnliches Schicksal wie ich hatten.

Ich habe mich schnell eingelebt. Einmal in der Woche kam auch ein Psychologe zu mir, der mir half mich so zu akzeptieren, wie ich bin und auch bei meinem Outing vor dem Rest der Wohngruppe stand er hinter mir. Die Zeit verging und ich machte eine Lehre zum Bürokaufmann. In der Firma wussten alle, dass ich schwul bin, und akzeptierten das auf Anhieb, weil wie sie sagten ich so ein lieber Kerl sei. Aber ich glaube da, war auch etwas Mitleid im Spiel.  

Vor 3 Wochen dann bekam ich von meinen Eltern einen Brief, in dem sie sich für ihr Verhalten bei mir entschuldigten und mich um ein Treffen baten. Als ich die Zeilen gelesen hatte, bin ich völlig in mich zusammen gebrochen. Ich lag 2 Tage lang nur im Bett und hab geheult, dachte an meine Eltern und all die schöne Zeit, die wir miteinander hätten verbringen können. In meiner WG kümmerten sich alle rührend um mich und versuchten mich immer wieder zu trösten und wieder aufzumuntern. Als ich mich etwas erholt hatte und es mir wieder besser ging, sagte ich dem Treffen mit meinen Eltern zu. Nun sitze ich hier im Zug.

Endlich, der Zug fährt in der Station ein. Ich schnappe meinen Rucksack und gehe zum Ausstieg. Ich erkenne meinen Vater schon von weitem, wie er da am Bahnsteig steht. Nach dem Aussteigen gehe ich auf ihn zu, ein ganz mulmiges Gefühl überkommt mich, als er mich endlich erblickt und wir uns näher kommen. Als ich vor ihm stehe, breitet er seine Arme um mich, drückt mich an sich und sagt nur ”tut mir leid, tut mir leid mein Sohn, was ich dir angetan habe. Ich liebe dich so, wie du bist”. Nach einer Weile, in der er mich nicht loslässt, merke ich, dass mein Vater zu schluchzen anfängt. Erst als ich ihn über den Rücken streichle, beruhigt er sich langsam und als er mich endlich loslässt und wir uns ansehen, muss auch ich anfangen zu weinen. Mein Vater streicht mir mit seinen Handflächen die Tränen aus dem Gesicht, wie er es auch als Kind immer bei mir gemacht hat. Wir gehen gemeinsam zum Ausgang.

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